Monday 18. December 2017

Pastorales Forum
wissenschaftliche Erforschung der religiös-kirchlichen Lage in den ehedem kommunistischen Staaten Ost- und Mitteleuropas.
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kreuz.net: "Eine Beleidigung für jeden gläubigen Katholiken"

Parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen, Volker Beck, in "Deutschlandfunk"-Interview: Autoren ausforschen, um strafrechtlich gegen sie vorzugehen.

Bonn, 03.04.12 (KAP) Als "eine Beleidigung für jeden gläubigen Katholiken" hat der deutsche Bundestagsabgeordnete und Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Volker Beck, das Internetportal "kreuz.net" bezeichnet. Die Seite habe sich "im Laufe der Jahre von einem eher konservativen, der tridentinischen Messe anhängenden Portal zu einem richtigen Hassportal entwickelt", unterstrich Beck am Dienstag gegenüber dem "Deutschlandfunk". Es liege nun am Verfassungsschutz, die hinter dem Portal stehenden Autoren auszuforschen, "damit man gegen sie auch entsprechend strafrechtlich vorgehen kann", so Beck. In der Vorwoche hatte das deutsche Bundesamt für Verfassungsschutz die Seite als teilweise antisemitisch und muslimfeindlich eingestuft. Anlass war eine Anfrage Becks, auf die Verfassungsschutzpräsident Heinz Fromm mit der Einschätzung antwortete, kreuz.net zeichne sich "durch homophobe, muslimfeindliche und antisemitische Äußerungen" aus; zahlreiche Beiträge überschritten laut Fromm "die Grenzen zur Strafbarkeit". Konkreter Anlass für seine Anfrage an den Verfassungsschutz sei ein Artikel mit dem Titel "Schwule ins KZ" gewesen, erläuterte Beck nun gegenüber dem "Deutschlandfunk". Entschieden wendete sich Beck auch dagegen, "die katholische Kirche in die Nähe solcher Rechtsradikalen zu bringen". Zwar habe die Kirche "an diesem rechten Rand gegenwärtig ein Problem durch die Diskussion über die Piusbruderschaft" - ein Umfeld, das auch kreuz.net bediene -, aber dies sei nur eine von vielen Lehrmeinungen. Der Vatikan sei laut Beck "gut beraten", die Offenheit gegenüber den Piusbrüdern "aufzugeben und klar zu machen, dass Antisemitismus in der katholischen Kirche auch am Rand nicht geduldet wird". Dass er selbst nun zum Ziel von kreuz.net werde, sorge ihn nicht: Man müsse die Dinge "beim Namen nennen und auch dagegen entsprechend im Netz mobilisieren". Es gebe mittlerweile "viele Leute, die sich massiv dagegen wenden und sich eben auch an der Diskussion gegen kreuz.net beteiligen", so Beck.

 

Absolute Wahrheit in postmoderner Kultur.

2. Medienkongress in Schwäbisch-Gmünd

Sehr Geehrte!

Im Folgenden werde ich Ihnen keinen philosophischen, sondern eher ein „wahrheitspolitischen“ Vortrag halten. Unser Blick wird sich dabei vorab auf die absoluten Wahrheitsansprüche der Religionen, zumal des Christentums, wenden. Damit modifiziere ich den Begriff im Titel meines Vortrags – und das nur auf den ersten Blick unwesentlich. Ich konzentriere mich nämlich bei dem fundamentalen Thema der „absoluten Wahrheit“ auf den „absoluten Wahrheitsanspruch“, den Religionen und ihre Vertreter stellen - wobei auch nichtreligiöse weltanschauliche Einrichtungen ein solcher Wahrheitsanspruch keineswegs fremd ist.

Eingrenzen will ich auch das weite und schier unübersichtliche Begriffsfeld „postmoderne Kultur“. Ich wähle aus diesem Feld drei Aspekte heraus: die Gewalt, die Freiheit und die Wahrheitssuche.

Bei allem kann ich nicht verleugnen, dass ich selbst Theologe bin und mich für die bleibende „mission“ der Kirche heute engagiere.

So werde ich folgende drei Subthemen mit Ihnen besprechen: Das Verhältnis des Wahrheitsanspruchs zur Gewalt, dann zur Freiheit und schließlich den Wandel vom spaltenden Wahrheitsbesitz zur einenden Wahrheitssuche. Damit bleibt in meinen Überlegungen der undeutliche Begriff der Postmoderne im Hintergrund. Mir liegt vielmehr an konkreten, für unser Handeln folgenreichen Fragestellungen aus dem Arsenal postmoderner Themen rund um die Wahrheit.

 

Wahrheitsanspruch und Gewalt

Dem ersten Modul (Wahrheitsanspruch und Gewalt) stelle ich aus dem Koran wie aus der Bibel einschlägige Texte voran:

So heißt es im Koran:

  • „Wenn die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Polytheisten, wo immer ihr sie findet, greift sie, belagert sie und lauert ihnen auf jedem Weg auf." (Sure 9/5)
  • „Sie möchten gern, ihr würdet ungläubig, wie sie ungläubig sind, so dass ihr (ihnen) gleich würdet. So nehmt euch niemanden von ihnen zum Freund, bis sie auf dem Weg Gottes auswandern. Wenn sie sich abkehren, dann greift sie und tötet sie, wo immer ihr sie findet." (Sure 4/89)
  • „Und kämpft auf dem Weg Gottes gegen diejenigen, die gegen Euch kämpfen, und begeht keine Übertretungen. Gott liebt die nicht, die Übertretungen begehen. Und tötet sie, wo immer ihr sie trefft, und vertreibt sie, von wo sie euch vertrieben haben. Denn Verführen ist schlimmer als Töten. Kämpft nicht gegen sie bei der heiligen Moschee, bis sie dort gegen euch kämpfen. Wenn sie gegen euch kämpfen, dann tötet sie, so ist die Vergeltung für die Ungläubigen." (Sure 2/190-191)

Und im Alten Testament ist zu lesen:

  • „Abschalom befahl seinen jungen Leuten: Gebt Acht: Wenn Amnon vom Wein guter Laune ist, werde ich zu euch sagen: Schlagt Amnon tot! Dann tötet ihn! Habt keine Angst! Ich selbst habe es euch ja befohlen. Seid mutig und tapfer!“ (2.Sam 13,28)
  • „Da sagte Mose zu den Richtern Israels: Jeder soll die von seinen Leuten töten, die sich mit Baal-Pegor eingelassen haben.“ (Num 25,5)
  • „Gebt uns also das üble Gesindel von Gibea heraus, wir wollen es töten und wollen das Böse in Israel austilgen.“ (Ri 20,13)

1.

Es ist keine Frage: Solche Texte wurden nicht praxisfern formuliert. Der Vorwurf des Ägyptologen Jan Assman[1] ist nicht unbegründet, dass der absolute Wahrheitsanspruch der Religionen (er hat die Texte des Judentums analysiert[2]) – im Lauf der Menschheitsgeschichte faktisch Gewalt und unsägliches Leid hervorgerufen hat. Es waren religiöse Menschen, die Gewalt ausübten – und sie haben sich dabei auf einen gewalttätigen Gott berufen.

Zugleich führten dieselben Wahrheitsansprüche der Religionen zu einer Gewaltminderung, hin bis zur Feindesliebe. Wenn die Religionen lehren, dass es nur einen Gott gebe, dann ist letztlich jeder und jede eine und einer von uns. Gerade monotheistische Religionen begründen eine tiefe Einheit der Menschheit und eine daraus folgende universelle Solidarität.

Die Wahrheitsansprüche der Religionen erweisen sich so als zutiefst ambivalent. Sie können mit Gewaltneigung wie Friedensstiftung einhergehen. Insofern die Heilige Schrift der Christen Gottes Wort und Menschenwort in einem ist[3], konnte sich die Wahrheit von einem liebenden Gott mit der Gewaltneigung des Menschen verbinden, wodurch zwiespältig wirkende „Mischtexte“ (Raymund Schwager) entstanden sind.

 

2.

Wie aber kommt es zur Verbindung von Religion und Gewalt? Hier führen wissenssoziologische Annahmen von Peter L. Berger und Thomas Luckmann[4] weiter. Menschen handeln nicht nur. Sie rechtfertigen ihr Handeln auch. Zumal religiöse Rechtfertigungen/Legitimationen haben deshalb großes Gewicht, weil sie das Handeln als gottgewollt darstellen und damit unantastbar machen und der menschlichen Kritik entziehen. Die dunklen Texte der heiligen Schriften, die einen gewaltförmigen Gott zeigen, wurden als Legitimation von verheerender Gewalt benützt. Solche religiöse Legitimation von Gewalt finden sich heute in fundamentalistischen Kreisen im Christentum ebenso[5] wie im Islam.

 

3.

Nun enthalten aber die Heiligen Bücher gewaltförmige wie friedensstiftende Texte. Dann stellt sich die folgenreiche Frage, warum manche Menschen und Führungskräfte zu den gewaltförmigen, andere hingegen zu den friedensstiftenden greifen und ihr praktisches Handeln daran orientieren. Moderne Forschung legt nahe, dass diese Neigung mit der lebensgeschichtlich gewachsenen Persönlichkeitsstruktur zu tun hat.

Die Gewaltneigung bzw. Gewaltakzeptanz eines Menschen korreliert engstens mit dem von Theodor W. Adorno erforschten Autoritarismus.[6] Adorno beantwortet mit diesem Phänomen die Frage, warum in den Zwischenkriegsjahren so viele Menschen sich freiwillig faschistischen Systemen unterworfen haben. Autoritäre Personen handeln nach dem Grundsatz: Recht hat, wer oben ist. Autoritarismus ist Unterwerfungsbereitschaft: unter Führer, geschlossene Gruppen, faschistische Systeme, auch unter Gott. Eichmann, Hess und Höss haben sich mit dem Hinweis, sich lediglich gehorsam unterworfen zu haben, vor der Verurteilung retten wollen.

 

ABBILDUNG 1: Entwicklung des Autoritarismus

 

Dieser weit verbreitete Autoritarismus ist, vor allem dank sich ausbreitender Bildung, im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts rasch zurückgegangen. Eine tiefe Kulturrevolution fand statt. Die fatale Gehorsamskultur wurde durch eine Solidarkultur (zumindest im Modus des Wünschen und im kleinen Lebensfeld) abgelöst. Derzeit wächst allerdings angesichts wachsender Unübersichtlichkeit (Jürgen Habermas) und schwindender Daseinskompetenz der Autoritarismus neuerlich.[7] Die Zahl jener, insbesondere junger Menschen nimmt zu, welche die lästig werdende Last der Freiheit wieder loswerden wollen.

Autoritäre Menschen, so die fachliche Erklärung, kompensieren ihre innere Schwäche durch nach außen praktizierte Gewalt: Das Fremde, das sie bedroht, vernichten sie, wenn sie die Macht dazu haben. Die Tiefenpsychologin Monika Renz sieht in solcher destruktiven Gewalt eine zu Lebensstrategie, die das geburtlich verlorene Urvertrauen wettmacht.[8]

 

ABBILDUNG 2: Autoritarismus und Gewaltakzeptanz

4.

Es scheint also nicht die Religion zu sein, die mit ihren gewaltförmigen Texten zu gewalttätigem Tun verführt und dieses im Namen Gottes rechtfertigt. Vielmehr sind es zunächst die Personen, die aus dem Reichtum der heiligen Texte die dunklen auswählen. Fundamentalistische Bewegungen leben von diesem Zusammenhang von Autoritarismus und Neigung zu religiös legitimierter Gewalt.

Das Zusammenspiel von Autoritarismus und Religion erklärt nicht zuletzt auch starke Spannungen innerhalb der Religionsgemeinschaften.

 

ABBILDUNG 3: Polarisierungen

Und noch weiter gefragt: Könnte es nicht sogar sein, dass gewaltförmige Texte über dieses Dunkle im Menschen, seinen Hang zur angstverwurzelten Gewalt, gar erst in die Heiligen Texte projektiv Eingang gefunden haben? Ist das Gottesbild auch inspirierter Texte nicht deshalb gewaltförmig, weil Menschen ihr Tun durch einen solchen Gott eher rechtfertigen konnten? Was das für eine Theologie der Inspiration bedeutet, kann hier nicht weiter verfolgt werden. Eine Antwort hat der Theologe Raymund Schwager versucht, der hoffte, dass Gott selbst durch solche Texte in „seiner Offenbarung“ gegen die oder sogar mit den Absichten der Verfasser Gutes bewirkt hat. Der Kreuzestod Jesu wäre die radikalste Zuspitzung einer solchen Vermutung.

 

Wahrheit und Freiheit

Ich komme zum zweiten Modul: Dem Verhältnis von absolutem Wahrheitsanspruch und Freiheit. Gerade der Katholizismus in Europa, der sich im Besitz einer ihr anvertrauten absoluten Wahrheit wähnte, konnte sich um des absoluten Wahrheitsanspruchs willen mit der aufkeimenden modernen Freiheit nicht zurechtfinden. 1864 verurteile Papst Pius IX. die moderne Freiheit rundum. Nie könne sich der Pontifex Romanus mit Demokratie, Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit und Pressefreiheit anfreunden. Denn angesichts der anvertrauten unverrückbaren Wahrheit (und hier war tendenziell die eigene, als Besitz verstandene Wahrheit gemeint) gebe es keine Freiheit.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat sich tiefschürfende Gedanken gemacht, inwieweit die Gottesrede der Kirche (und damit die Verkündigung einer absoluten Wahrheit) selbst derart misslungen war, dass diese selbst modernen Atheismus hervorgebracht hat. Zwar klagt zunächst der Konzilstext: „Viele überschreiten den Zuständigkeitsbereich der Erfahrungswissenschaften und erklären, alles sei nur Gegenstand solcher naturwissenschaftlicher Forschung, oder sie verwerfen umgekehrt jede Möglichkeit einer absoluten Wahrheit.“ Dann aber kommen die Konzilsväter auf die Konkurrenz zwischen einem allmächtig gedachten Gott und der Möglichkeit menschlicher Selbstbehauptung zu reden. Einfühlsam beobachten sie: „Manche sind, wie es scheint, mehr interessiert an der Bejahung des Menschen als an der Leugnung Gottes, rühmen aber den Menschen so, daß ihr Glaube an Gott keine Lebensmacht mehr bleibt.“ Ein Gott, vor dem es letztlich keine menschliche Freiheit und Autonomie geben könne, dürfe nicht existieren. Wie sehr aber das wahre Gottesbild von jenem mancher Atheisten (auch und gerade durch die Schuld der kirchlichen Gottesrede) sich unterscheidet, kommt im Konzilstext klar zur Sprache: „Andere machen sich ein solches Bild von Gott, daß jenes Gebilde, das sie ablehnen, keineswegs der Gott des Evangeliums ist.“[1] Karl Rahner, selbst Mitautor dieses Konzilstextes, verdanke wir die Aussage: Atheisten leugnen oft einen Gott, den es Gott sei Dank nicht gibt.

Es dauerte also in der Katholischen Kirche bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil, dass die Religionsfreiheit als dem Evangelium und seiner unumstößlichen Wahrheit über Gott und die Welt nicht nur verträglich anerkannt worden ist. Die Freiheit Gottes und die des Menschen stehen einander nicht im Weg, sondern bedingen einander. Glaube, eng verwoben mit dem Urakt der Liebe, kann ohne Freiheit nicht sein.

 

5.

Die kämpferische Haltung des katholischen Christentums und auch evangelikaler Bewegungen in den und um die Kirchen der Reformation gegen das Aufkommen der modernen Freiheitskultur erklärt, warum das Christentum in Europa bis heute eine andere Entwicklung nimmt als in Nordamerika. Denn dort waren es Christen, welche dem Land eine freiheitliche Verfassung gaben. In Europa musste sich vielfach die freiheitliche Demokratie unter massiven Widerstand der Christen durchsetzen. Das erklärt einen bis heute hochwirksamen Antiklerikalismus in weiten Teilen Europas.

Dass es unbeschadet der Gewissenspflicht zur Wahrheit eine bleibende Würde selbst bei denen gibt, die wir nicht auf dem Weg der Wahrheit vermuten: das ist erst eine Errungenschaft des Zweiten Vatikanischen Konzils. Erst jetzt beginnt auch die katholische Kirche ernst zu nehmen, was Paulus an die Christen in Galatien geschrieben hat: Dass uns Christus zur Freiheit befreit hat (Gal 5,1). Dieser Perspektivenwechsel ist in vielen Teilen der Katholischen Kirche immer noch in seiner „Implementierungsphase“. Die Anhänger des Konzilsgegners Erzbischof Lefebvre, die Pius-Brüder, mit denen derzeit Rom um eine Aussöhnung verhandelt, lehnen diese Öffnung der katholischen Kirche zur modernen Freiheitskultur nach wie vor energisch ab.

 

Wahrheitsanspruch angesichts gewachsener Vielfalt

Ich komme zum dritten und letzten Modul meiner Reflexionen. Es enthält die Frage, wie sich der ererbte absolute Wahrheitsanspruch zur heute selbstverständlich gewordenen weltanschaulichen Vielfalt in den sogenannten postmodernen Kulturen verhält. Diese Frage hat eine lange Vorgeschichte, die rasch erzählt ist.

 

6.

Sie setzt mit der Konstantinischen Wende an, welche die gesellschaftliche und kulturelle Lage des Christentums für nahezu zwei Jahrtausende tiefgreifend verändert hat. Seit der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion im Römischen Reich hat sich in Europa eine weithin einheitliche weltanschauliche Monokultur ausgebildet. Kirche, Staat und Gesellschaft waren bei allen Rivalitäten engstens miteinander verflochten. Die nachreformatorische Zeit hat diese Monokulturen – aus friedenspolitischen Gründen - lediglich gewaltsam regionalisiert. „Religiöse Säuberungen“ (wie noch unlängst im Balkankrieg oder derzeit in Nordnigeria) wurden gewaltsam vorgenommen. Die christlichen Kirchen des Ostens verteidigen bis heute ihre „kanonischen Territorien“, was zu tiefen Irritation zwischen Moskau und Rom geführt hat, von der Religionspolitik der Orthodoxie in Griechenland ganz zu schweigen.

Glaube in seiner konfessionellen Ausprägung war jedenfalls über Jahrhunderte für die Menschen in Europa unentrinnbares Schicksal. Die Konfession der Bürgerinnen und Bürger wurde durch die Religion der Herrschenden vorgegeben. Die Einzelnen hatten nur die Wahl, Mitglied der etablierten Konfession zu sein, oder sie mussten – so der historischen Abfolge nach – ins Jenseits oder ins Ausland auswandern.

Seit der Aufklärung haben sich diese Monokulturen jedoch nach und nach verbuntet. Weltanschauliche Buntheit ist in den europäischen Kulturen zum Normalfall geworden. (Un-)Glaube ist sozial ungestraft wählbar geworden (Peter L. Berger). Durch die Freiheit, die eigene Religion/Weltanschauung wählen zu können, ist eine neue religiös-weltanschauliche Mobilität entstanden und den traditionellen Großkirchen schwer zu schaffen macht. Die weltanschauliche Landschaft ist in Bewegung geraten.

Hier ein Überblick über das Ergebnis solcher postmoderner Verbuntungsvorgänge:

 

ABBILDUNG 4: Verbuntung

 

7.

Als Reaktion auf den aggressiven, vor allem US-amerikanischen Fundamentalismus, hat sich in den letzten Jahren ein ähnlich aggressiver Neo-Atheismus gebildet, der vom angelsächsischen Raum aus sich auch in den ehedem christentümlichen Ländern Europas ausbreitet.

 

8.

Es gehört zu den Überraschungen unserer aufgeklärten Zeit, dass die verbürgte Religionsfreiheit und das damit eröffnete Wählenkönnen bislang keineswegs zu wachsendem weltanschaulichen Frieden geführt hat. Aus meiner Religionsstudie[2] aus dem Jahre 2010 geht hervor, dass nur eine Minderheit (25%) der österreichischen Bevölkerung die Position eines respektvollen freien Religionsdialogs vertritt. Drei Viertel der Menschen sind vielmehr sogenannte „Kulturchristen“. Sie haben in sich das Leitbild eines christlichen Europas. Dieses verteidigen die einen mit friedlichen (45%), andere aber mit kämpferischen Mitteln (32%): Und das vor allem gegenüber einem sich in Europa neuerlich ausbreitenden Islam. Die kämpferischen Kulturchristen werden durch entsprechende politische Parteien am rechten Skalenende des politischen Spektrums gesammelt, die ihrerseits den Kampfgeist der kämpferischen Kulturchristen stärken. Ein untergründiger subtiler Religionskrieg scheint in Europa in Gang gekommen zu sein.

 

9.

Solche Entwicklungen können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass in den letzten Jahrzehnten sich eine andere Entwicklung sowohl in den christlichen Kirchen und wie darüber hinaus ausbreitet. Aus dem spaltenden Wahrheitsbesitz und dem aggressiven Wahrheitsanspruch ist – als Mainstream mit fundamentalistischen und konstruktivistischen Ausnahmen - eine einende Wahrheitssuche geworden. Diese moderne Behutsamkeit wird durch - lange Zeit verschüttete, aber angesichts der Herausforderungen der weltanschaulichen Entwicklungen der eins werdenden Welt wieder entdeckte - theologische Einsichten gestützt: Die katholische Theologie kennt eine „negative Theologie“; die ostkirchliche Tradition praktiziert neben der „kataphatischen“ eine „apophatische“ Methode. Diese nimmt an: Je tiefer wir in das Geheimnis der Wahrheit Gottes eindringen, umso dunkler wird dieses.[3]

 

ABBILDUNG 4: Choros-Kathedrale in Istanbul – Hadesfahrt Christi

10.

Es sind die Mystiker in allen Religionen, die einen „apophatischen“ Weg gehen. Für sie ist die Suche nach Gott, damit „Wahrheitssuche“, nicht primär eine denkerische Leistung der menschlichen Vernunft, sondern ereignet sich als ganzheitliche personale Begegnung. Das weitet den Begriff der „Wahrheit“ von einer Sammlung von Sätzen zu einem Weg der Begegnung mit einem verlässlich jedem Menschen entgegenkommenden Gott[4]. Dem entspricht das Wort Jesu über sich selbst: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6).

 

11.

Zu den wieder gewonnen Einsichten angesichts des Einswerdens der Menschheit gerade in ihrer weltanschaulichen Verbuntung gehört ein gläubiges Ahnen, dass Gott das Heil aller Menschen im Sinn hat und durch seinen machtvollen Geist voranbringt. Wenn es nur einen Gott gibt, der die eine Welt und darin jeden einzelnen Menschen erschaffen hat, dann gilt auch: Eben dieser eine Gott ist der Gott der Atheisten, der Buddhisten, der Hinduisten, der Muslime, der Christen. Die heiligen Texte der Christen betonen, dass dieser Gott in jedem einzelnen Menschen wohnt und sie durch seinen Geist so formt, dass sie werden, was sie in ihrer Gottebenbildlichkeit wahrhaft Liebende. Heutige Theologie traut es auch – trotz der menschlichen Erbneigung zu Gewalt, Gier und Sünde – Gott zu, dass er den ganzen Kosmos und mit ihm alle Menschen in die Vollendung führt, auch wenn dies durch vielfältige Tode und fegende wie höllische Feuer hindurch geschehen muss, damit die Vollendung ganz ausreifen kann.

Angesichts eines solchen universellen Heilsoptimismus, der nach Karl Rahner zur bleibenden Bedeutung des Zweiten Vatikanischen Konzils (wie auch der Ostkirchen) gehört, stellen sich natürlich viele neue Fragen. Wie kann dann nämlich die geglaubte unumgängliche Heilsbedeutung der Auferstandenen („denn wenn du mit deinem Mund bekennst: «Jesus ist der Herr» und in deinem Herzen glaubst: «Gott hat ihn von den Toten auferweckt», so wirst du gerettet werden“ (Röm 10,9) mit der Vielfalt (verhüllter) Heilswege zusammengehalten werden? Und dies in einer Weise, welche die Andersglaubenden nicht durch die Kirche vereinnahmt, sondern in der erkennbar wird, dass Gott sich auch durch sein erwähltes Volk, dem er das Wissen um seinen Heilswillen für alle geoffenbart hat, für alle verausgabt?

 

12.

Moderne Wahrheitspolitik hängt somit eng mit dem zugrunde liegenden „Heilskonzept“ zusammen – also mit der tiefgreifenden Frage, worauf die eine Welt- und Menschheitsgeschichte hinausläuft. Ein exklusives Wahrheitsverständnis („nur wir haben die Wahrheit“) ist notgedrungen zutiefst heilspessimistisch. Am Ende wird aus der großen Zahl der massa damnata eine kleine Schar von Erwählten gerettet werden, so der Kirchenlehrer Augustinus. Er werden jene sein, die durch das Hören des Wortes zum ausdrücklichen Glauben und zur Taufe gekommen sind und so das rettende Schiff der Kirche und in diesem das ewige Leben in Gott erreicht habe werden, sofern sie durch Taten der Liebe in diesen auch faktisch verblieben sind.

Wenn aber der Gott, der Wahrheit und Verlässlichkeit, „unbeirrbare Treue“ (Dtn 32,4) in Person ist, sein Heil in allen wirkt, indem er jeden Menschen durch seinen Geist zu einer liebenden Person formt: Dann folgt daraus ein inklusives Wahrheitsverständnis („alle sind auf dem Weg hinein in die Wahrheit und der Liebe“), das tendenziell heilsoptimistisch ist. Hier die komplexen Zusammenhänge im Überblick:

 

Ausgang der einen Weltgeschichte

Erbheil-Erbschuld

Kirchenbild

Mission der Kirche

heilspessimistisch: massa damnata und die kleine Zahl der Geretteten (Augustinus. – „Denn viele sind gerufen, aber nur wenige auserwählt.“ Mt 22,14)

universelle Erbschuldgeschichte und begrenzte Erbheilgeschichte

exklusives Kirchenbild: „extra ecclesiam nulla salus (veritas)“. („Vereinnahmung durch die Kirche“)

Erfassen der Geretteten (mit allen Mitteln). Sicherung des Heils durch strenge Moral.

heilsoptimistisch: Vollendung der Welt im Auferstandenen als „kosmischen Christus“ (Kol 1,15-20; Hildegard von Bingen und viele andere: Zweites Vat. Konzil)

universelle Erbheil- und Erbschuldgeschichte

inklusives Kirchenbild:

„ubi salus (veritas, caritas), ibi ecclesia“ (in vielfältiger Form: LG 14-16)

Was rettet ist die geschenkte wahrhafte Liebe, die uns gottförmig macht (Mt 25) („Verausgabung Gottes“)

Licht (enthüllen: leben, erzählen, feiern) und Salz (heilen).

Wer durch Gott von der Angst geheilt ist, kann wahrhaft lieben.

Kirche ist in der Nachfolge des Heilands Heil-Land.

13.

In einem heilspessimistischen Kontext sieht die Mission der Kirche anders aus als in einem heilsoptimistischen. Der Heilspessimismus hat in der Kirche eine Art Heilspanik ausgelöst und sich auch vor Maßnahmen nicht zurückgehalten, wenn es um die Rettung von Menschen ging. So war es denn auch verständlich, dass bei einer schweren Geburt mit einer Taufspritze in den Mutterschoß hinein getauft wurde, was erst 1903 durch ein Preußisches Ministerium den Hebammen (nicht den Ärzten) untersagt worden war. Eine exklusive Kirche, deren Grundannahme war, dass es außerhalb ihrer sichtbaren Grenzen kein Heil gebe, war eine Kirche des Erfassens, und das notfalls mit gewaltförmigen Mitteln und den Strategien der Angst und einer entsprechend angstbesetzten Moral.

Im Rahmen eines unverbrüchlichen Vertrauens darauf, dass am Ende der Sieg Gottes über das Böse, den Tod und den Teufel steht, Gott also alles in allem sein werde (1 Kor 15,28), wandelt und vertieft sich die Aufgabe der Kirche. Sie ist, jesuanisch formuliert, dann Licht und Salz. Die Kirche enthüllt, was durch Gottes Geist in allen Menschen in Gang ist – ein Reifen hinein in der Heil und damit in den Weltleib des Auferstandenen, der seit der Auferstehung das Haupt dieser vollendeten Schöpfung ist („Erbheil“). Sie macht dies durch die Liebe, die sie lebt, durch das, was sie gefragt gewaltfrei erzählt, und was sie absichtslos feiert.

Weil aber diesem Ausreifen der Schöpfung dämonische Gegenmächte: also die aus der Angst geborene Gewalt, Gier und Lüge, entgegenstehen und das Ausreifen des von Gottes Geist gewirkten Erbheils verhindert, ist es Mission der Kirche, wie Salz heilsam zu sein und die Menschen an der Wurzel ihrer Seele durch Gottes Gnade von der Angst zu heilen, die böse macht. In der Nachfolge des Heilands wird so die Kirche zum Heil-Land.

 

ABBILDUNG 6: Jesus als Apotheker

 

Die Aufklärung hat die Mystik zerstört. Was blieb war die „nützliche“ Moral. Auf diese wird die Kirche heute bürgerlich reduziert und an ihr gemessen.Heute aber ist klar – und die Rechtfertigungslehre (Röm 7, 15-23)  des Völkerapostels Paulus erhält auf diesem Weg neues Gewicht: Moralische Appelle helfen nicht, sie scheitern an einer tiefsitzenden vielgesichtigen Angst. Angst entsolidarisiert. Angst verhindert, dass wir, wie Meister Eckhart lehrte, werden, was wir sind: Liebende. So gilt es, in der Arbeit für das Reich Gottes die therapeutische Kraft des Evangeliums wiedergewinnen (Kierkegaard, Drewermann, Biser). Benedikt XVI.:

 

„Die Kirche legt den Menschen nicht irgendetwas auf und bietet nicht irgendein Moralsystem dar. Was wirklich entscheidend ist, dass sie Ihn gibt. Dass sie die Türen zu Gott aufmacht und damit den Menschen das gibt, was sie am meisten erwarten, was sie am meisten brauchen, und was ihnen auch am meisten helfen kann. Sie tut es vor allem Dingen durch das große Wunder der Liebe, das immer wieder geschieht. Wenn Menschen – ohne eine Profit zu haben, ohne das als Job machen zu müssen – von Christus motiviert anderen beistehen und ihren helfen. Dieser, wie Eugen Biser sagt, therapeutische Charakter des Christentums, | der heilende und schenkende, müsste in der Tat viel deutlicher in Erscheinung treten.“[5]

 

Kurzum: Kirchen in der Postmoderne indoktrinieren nicht absolute Wahrheiten, sondern sind der der Nachfolge des Heilands Heil-Land.

 

14.

Enthüllen und heilen sind nicht nur die Aufgabe einer christlichen Kirche heute. Es sind Aufgaben, welche auch die Medien in der Hand von Christinnen und Christen und kirchlicher Institutionen haben. Daran arbeiten Sie wohl schon längst. Aber vielleicht sind meine Überlegungen eine Gelegenheit, sie in ihrer guten laufenden Arbeit zu bestärken und ihnen da und dort eine Kurskorrektur schmackhaft zu machen.

Heutige Medien, die sich dem Evangelium verpflichtet wissen, werden (als Moment am Leben der Kirchen) den ihnen eigenen Beitrag zum Enthüllen und He



[1] Zweites Vatikanisches Konzil: Gaudium et spes, Rom 1965, 19-21.

[2] Zulehner: Verbuntung, Ostfildern 2011.

[3] Vgl. der Auferstandene aus der Choros-Kathedrale in Istanbul.

[4] Im Hebräischen steht dafür der Begriff אמה (emeth): das Innerste Gottes, sein „Mutterschoß“, sein grenzenloses und unbedingtes Erbarmen.

[5] Benedikt XVI., Licht der Welt, 2010, 205.

 

Für Hans.

Hoffnung auf Entfesselung.

 

Am 8. September verstarb 77jährig mein Bruder Hans (Johannes Zulehner). Er verbrachte sein Leben mit einer starken Behinderung. Hier die Predigt bei der Bestattung am 24.9.2011 in St. Thomas.

Jetzt geht es um kluge Deeskalation des Konflikts.

Es ist ein scharfer Konflikt. Die Pfarrer wünschen nicht mehr. Sie kündigen an zu handeln. Vielleicht die einzige Chance, in einer reformunwilligen Kirche gehört zu werden?
Dazu ein Interview in der Wiener Zeitung vom 20.8.2011.

120 Jahre Rerum novarum (Festrede zur Jubiläumsfeier der FCG im Parlament)

Wirkungsgeschichte dieses zukunftsweisenden und bis heute gültigen Dokuments von 1891 bis in die Gegenwart.
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Für Hans.

Am 8. September  2011 verstarb 77jährig mein Bruder Hans (Johannes Zulehner). Er verbrachte sein Leben mit einer starken Behinderung. Hier die Predigt bei der Bestattung am 24.9.2011 in St. Thomas.

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Volkenroda, 28.-30.11.2017: Neue Schläuche für jungen Wein

Teil_01 |  Teil_02

Linz, 21.11.2017: Neue Schläuche für jungen Wein | MP4

Klagenfurt, 18.11.2017: Europa - ein Kontinent der Angst? MP4

München, 10.11.2017: Neue Schläuche für jungen Wein. Landeskomitee der Katholiken Bayerns MP4 | PDF

Essen, 9.11.2017: Seht her ich mache etwas Neues (CKD) MP4 | PDF

St. Johann, 3.11.2017: Integration MP4 | PDF

Bern, 28.10.2017: Bildung im Kontext von 500 Jahren Reformation | MP4

München, 19.10.2017: Kirchenreform ja! Aber wie? MP3

Taufkirchen-Hofkirchen-Aistersheim, 11.10.2017: Kirchenvisionen | MP4

Luxemburg-CEFOS, 6.10.2017: Entängstigt euch! | MP4

Luxemburg, 5.10.2017: Die Zukunft wagen | MP4

Limburg, 28.9.2017: Zu einer Theologie der Vernetzung | MP4 (Film) | MP4 (Ton) | PDF

St. Georgen, 28.6.2017: Papst Franziskus verändert die Pastoralkultur

Teil 1 (Eine erbarmungslose Welt)

Teil 2 (Gott des Erbarmens)

Teil 3 (Pastoral des Erbarmens)

Rosenheim, 15.2.2017: Entängstigt euch! MP4

Graz, 20.1.2017: Fundamentalismus als Schutzmuster. MP3 | THESEN | PPT

Osnabrück, 8.11.2016: Der tiefe Fall. Zum Reformationsjubiläum 2017. MP4 | PDF

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