Thursday 20. July 2017

Pastorales Forum
wissenschaftliche Erforschung der religiös-kirchlichen Lage in den ehedem kommunistischen Staaten Ost- und Mitteleuropas.
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Kirche in Österreich in bewegter Zeit.

Pastoraltheologische Anmerkungen zur Cagna-Schlußrelation. Für Hugo Schwendenwein zum 75er (2011).

Laden Sie sich den PDF-File des gesamten Beitrags herunter und genießen Sie die Analyse.

Zeitenwende: Nicht Weltuntergang. Weltaufgang!

Eine weihnachtliche Meditation zur Feier der Geburt Jesu.

Wetten auf den Weltuntergang

Bet&win ist ein bekanntes Internetportal, um Wetten abzuschließen. Gewettet werden kann dort auf alles. Ein guter Bekannter machte mich aufmerksam, dass man mit Blick auf den angekündigten Weltuntergang am 21.12.2012 auf diesen wetten konnte. Geht die Welt nicht unter, verliert man den ganzen Einsatz. Geht sie aber unter, bekommt man das Hundertfache. Irgendwie skurill, dachte ich mir.

 

Eine neue Zeitrechnung

Dann aber recherchierte ich weiter. Was haben denn die Mayas prophezeit? Das Ende ihrer Zeitrechnung. Sonne und Sterne gelangen in jene Konjunktion, mit der sie ihre Zeitrechnung begonnen haben. Diese ihre Zeitrechnung endet damit. Aber sie haben nie gesagt, es gebe dann keine mehr. Vielmehr kann eine neue Zeitrechnung beginnen.

Keine uncoole Idee, dachte ich. Und just bekomme ich dazu eine Einladung zugemailt, in der es heißt:

 

Einladung zur Veranstaltung

Wintersonnenwende 2012 – Zeitenänderung

21.12.2012, 19:00 – 22:30, Altes Rathaus – Barocksaal, Wipplingerstrasse 6-8, 1010 Wien

Eintritt incl. Adventbuffet: € 50.-

 

der 21.12.2012 steht vor der Tür – wir glauben an eine positive Veränderung, die den Übergang in ein neues Bewusstsein bewirkt,

wo Mitgefühl und Mitverantwortung im Vordergrund stehen.

Daher nehmen wir dieses Datum als Anlass, das Leben zu feiern und laden Euch herzlich dazu ein.


Neue Zeit – neues Bewusstsein

Diese Zeitenänderung wird also von den Einladenden zum Anlass genommen zunächst einfach zu feiern, dass das Leben weiter geht. Nicht ein Weltuntergang, sondern ein Weltaufgang wird gefeiert. Es gilt die Formel: neue Zeit – neues Bewusstsein. Mitgefühl und Verantwortung sollen im Vordergrund stehen. Und um das weiter zu meditieren, wird ein bemerkenswerter Text des Dalai Lama zitiert. Er kontrastiert ganz elementar: Das was ist und was fehlt, in der Hoffnung, dass das was fehlt, in der neuen Zeit eine Chance bekommt. Zeitenänderung als Bewusstseinsänderung und Veränderung der Lebenskultur also. Hin zu einem Leben von mehr Sinn, Tiefe, Mitgefühl und Mitverantwortung füreinander und für die ganze Schöpfung.

Der Dalai Lama schreibt:

 

We have bigger houses but smaller families;

More conveniences, but less time;

We have more degrees, but less sense;

More knowledge, but less judgment;

More experts, but more problems;

More medicines, but less healthiness;

We`ve been all the way to the moon and back, but have troubles crossing the street to meet the new neighbor.

We build more computers to hold more information’s to produce more copies than ever, but have less communication.

We have become long on quantity, butshort on quality.

These are times of fast foods, but slow digestion.

Tall man, but short character.

Steep profits, but shallow relationships.

It`s a time when there is much in the window, but nothing in the room.

Wir haben größere Häuser, aber kleinere Familien.

Wir haben mehr Annehmlichkeiten, aber weniger Zeit.

Wir haben mehr Hochschulabschlüsse, finden aber weniger Sinn.

Wir haben mehr Wissen, aber weniger Urteilsvermögen.

Wir haben mehr Experten, aber auch mehr Probleme.

Mehr Arzneien, aber weniger Gesundheit.

Wir flogen zum Mond und zurück, aber wir haben Probleme, die Straße zu überqueren und einen neuen Nachbarn zu begrüßen.

Wir bauen mehr Computer mit immer mehr Informationen und machen mehr Kopien denn je zuvor, haben aber weniger Kommunikation

Wir haben viel an Quantität, aber wenig an Qualität.

Es ist eine Zeit des Fastfoods, aber wir verdauen nur langsam.

Wir sind großgewachsen, haben aber einen kleinen Charakter.

Wir haben scharfen Profit, aber schwache Beziehungen.

Es ist eine Zeit, in der viel in den Schaufenstern ist, aber nichts in den Wohnräumen.

 

Wir Christinnen und Christen sind freilich durch die angekündigte Zeitenänderung nicht zu beunruhigen. Und das nicht nur deswegen, weil der Chefastronom der Vatikanischen Sternwarte, der spanische Jesuitenpater Jose Gabriel Funes, die Welt wissen ließ:

 

„Es lohnt sich nicht über eine wissenschaftliche Basis dieser Behauptungen [dass es zu einer Inversion der Magnetpole der Erde komme] zu diskutierten“, betonte er. - Der Prozess der Ausdehnung des Universums sei ständig im Gang, hob der Jesuit hervor. Wenn das moderne Rechenmodell korrekt sei, dann komme es in Milliarden von Jahren zum Auseinanderbrechen des Materie-Energie-Gemisches, so des Leiter der „Specola Vaticana“ am päpstlichen Sommersitz Castel Gandolfo. (Zitiert nachhttp://kath.net/detail.php?id=39290



Die wahre Zeitenwende hat schon längst stattgefunden

Christen haben nämlich die wahre Zeitenwende bereits 2000 Jahre lang hinter sich. Wir rechnen auch nach ihr und teilen die Geschichte in die alte Zeit davor und die neue Zeit danach. Gerechnet wird nach der Geburt Jesu. Mit ihm hat eine neue Zeit begonnen. Und das ist nicht die Zeit des Untergangs, sondern der finalen Vollendung der Schöpfung. In einem von uns, der damals vor 2000 Jahren geboren wurde, hat Gott unwiderruflich seine Heilszeit eingeläutet. „Anno Domini“, im Jahre des Herrn 2013 werden wir zu Neujahr sagen.

 

Die Frage ist freilich: Hatte diese Geburt wirklich eine Zeitenwende zur Folge? Ist die Welt heute der Vollendung näher als vor 2000 Jahren? Viele Erfolge wurden verbucht. Die Weltgemeinschaft ringt um mehr Gerechtigkeit. Der Hunger wird eingedämmt. Und - wenn auch nicht mit dem gewünschten Erfolg – so ringen die Verantwortlichen doch um einen schonungsvollen Umgang mit der Schöpfung. Aber es gibt noch vieles von der alten Zeit, vom alten Menschen (so Paulus wiederholt). Die Welt leidet unter Gewalt (Terror), Gier (Finanzkrise) und Lüge (Korruption).

 

So leben wir zwar schon 2000 in einer neuen Zeit. Aber das Alte ist immer noch wirkmächtig und scheint einen vergeblichen Zweikampf mit dem Neuen zu kämpfen. Angst und Liebe ringen miteinander. Jesus setzt an die Stelle der Angst das Vertrauen auf einen „unbeirrbar treuen Gott“ (Dtn 32,4). Damit nimmt er dem Bösen, das aus der Angst wächst, die Wurzeln. Der Mensch, der vertraut, hat Gewalt, Gier und Lüge nicht mehr nötig. Eine Kultur der Liebe in Gerechtigkeit kann aufblühen.

 

Dies alles hat eine gute Chance, wenn wir nicht der Gefahr erliegen, Jesus nur anzubeten und zu verklären, statt ihm wirklich nachzufolgen. Der zeitgenössische amerikanische Franziskanermystiker Richard Rohr, an den ich mich mit dieser Formulierung anlehne, hat es in einem seiner Vorträge noch viel schärfer und kritischer gesagt. Richard Rohr wörtlich: „Wir haben angefangen, Jesus anzubeten, damit wir ihm nicht nachfolgen müssen.“ Ihm nachzufolgen: das wäre die wahre Chance der heute gefeierten Zeitenwende der Geburt Jesu.


 

Tertullian (Text um 209)

Kann man ohne zugeteilten Amtsträger als gläubige Gemeinde Eucharistie feiern?

PDF zum Herunterladen.

Zum Ausbluten der Eucharistiefeiern in der katholischen Kirche

Zum Beitrag von Lothar Roos: Wortgottesdienst statt (als) Eucharistiefeier (Gottesdienst 11, 28.5.2012)

Lothar Roos hat in Gottesdienst 11 mit dem Titel „Wortgottesdienst statt (als) Eucharistiefeier?“ einen kämpferischen Artikel zur Gottesdienstkultur in der katholischen Kirche veröffentlicht. Ich will mich im Folgenden mit seinen Positionen pastoraltheologisch auseinandersetzen, weil manche seiner Positionen eine unverantwortliche Ausdünnung der Eucharistiefeiern zu unterstützen scheinen. Und dies macht Roos mit Argumenten, die zwar den phantasielosen Strukturreformern in den Diözesen gefallen mögen (sonst hätte ja nicht der Vorsitzende der Liturgischen Kommission die Veröffentlichung seines Beitrag angeordnet), aber die Kirche in ihrer Entwicklung letztlich nicht voranbringen, sondern zurückwerfen.

 

Ecclesia de eucharistia (Johannes Paul II.)

Dabei kann Roos uneingeschränkt zugestimmt werden, wenn er der Feier der Eucharistie eine zentrale Rolle zuweist und sich für eine vertiefte Gottesdienstkultur einsetzt.[1]Dass er dabei rät, dass die katholische Kirche in die Schule anderer christlicher Kirchen/Konfessionen – hier der Orthodoxie – geht, ist weitblickend und wäre ja auch für andere Sorgenthemen des katholischen Kirchenlebens nützlich, wie Scheidung und Wiederheirat oder Lebensform der Priester. Mit der hohen Bewertung der Feier der Eucharistie nicht nur für den Vollzug des kirchlichen Lebens, sondern auch für den Aufbau von Kirche, steht er im – freilich höchst selektiven - Einklang mit der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils, mit Johannes Paul II. (Ecclesia de eucharistia, Rom 2003) und Benedikt XVI. (etwa auf dem Weltjugendtag in Köln 2005). Eucharistie bildet Kirche. Sie formt jene, die in den Gottesdienst hineingehen (so Gal 3,28) zerrissen nach reich und arm, nach Rassen und Kulturen, nach Männern und Frauen, um zu einer Gemeinschaft, die Füße wäscht. Abendmahl und Fußwaschung wurden daher von den Künstlern wie den Reichenauer buchmalenden Mönchen herangezogen, um die Kirche in ihrem innersten Wesen darzustellen.

 

Weltverwandlung

Benedikt XVI. weitet wie zuvor schon Teilhard de Chardin[2] mit seinem berühmten Bild von der Messe auf dem Altar der Welt den Blick auf die gesamte Welt. Wörtlich in seiner Predigt für junge Menschen: „„Diese erste grundlegende Verwandlung [im Tod Jesu am Kreuz hinein in die Auferstehung] von Gewalt in Liebe, von Tod in Leben zieht dann die weiteren Verwandlungen nach sich. Brot und Wein werden sein Leib und sein Blut. – Aber an dieser Stelle darf die Verwandlung nicht Halt machen, hier muss sie erst vollends beginnen. Leib und Blut Jesu Christi werden uns gegeben, damit wir verwandelt werden. Wir selber sollen Leib Christi werden, blutsverwandt mit ihm. Wir essen alle das eine Brot. Das aber heißt: Wir werden untereinander eins gemacht. – Er ist in uns selbst und wir in ihm. Seine Dynamik durchdringt uns und will von uns auf die anderen und auf die Welt im Ganzen übergreifen, dass seine Liebe wirklich das beherrschende Maß der Welt werde.“ Eucharistie ist immer auch Weltverwandlung, die in den von Gott selbst Zusammengerufenen sich unentwegt ereignet. Wenn sich in Österreich Sonntag um Sonntag 750000 Menschen freiwillig sammeln lassen und zur Feier der Eucharistie in die Kirche gehen, dann ist – wenn sie sich wirklich von Gottes Geist wandeln lassen in einen „Leib, hingegeben“ – am Montag das Land anders.

 

Eucharistie ins Zentrum rücken!?

Auf dem Mannheimer Katholikentag sagte mir eine junge fromme Frau aus Augsburg, dass sie sich sehr darüber freue, dass Bischof Zdarsa „die Eucharistiefeier ins Zentrum rücke“. Ich habe gleich die Doppelbedeutung dieser einfachen Aussage begriffen. „Ins Zentrum rücken“ – das heißt zunächst – ich stimme vorbehaltlos zu! - , dass ohne die Feier der Eucharistie das gläubige Leben von christlichen Gemeinschaften amputiert ist, von den nährenden Quellen abgeschnitten und ihrer Höhepunkte beraubt.

Zugleich aber hat dieser Satz auch eine andere, pragmatische Seite. Und hier beginnt meine kritische Auseinandersetzung mit dem fachlich nicht gut untermauerten Beitrag von Lothar Roos. „Ins Zentrum rücken“ heißt auch im Beitrag von Roos wie in der Hochglanzbroschüre des Bistums Augsburg: in einen „zentralen Eucharistieort“ eines pastoralen Großraumes. Dabei sei es den Ruhestandspriestern unbenommen, auch an „anderen Orten“ weitere heilige Messen zu feiern. Zudem könnten ja die Leute in kleinen Kapellen die Gottesmutter und die Heiligen verehren. (Befremdlich wirkt angesichts des Lobpreises der Eucharistiefeier im Leben der Kirche, wenn dann doch wieder unbefragt Bernhard Sutor, langjähriger Vorsitzender des Landeskomitees der Katholiken in Bayern, mit der Aussage zitiert wird, „ob nicht bei aller Hochschätzung der Eucharistie unsere Gottesdienst allzu sehr auf sie „reduziert“ seien; diese [nichteucharistischen Gottesdienste] könnten doch gepflegt werden, wo nicht mehr jeden Sonntag eine Eucharistiefeier möglich sei: 91)

Roos hat für dieses „ins Zentrum rücken“ zwei auf den ersten Blick plausible Gründe: Es lohne sich nicht, für wenige „Gottesdienstbesucher“ einen Gottesdienst zu feiern. Darunter würde nicht zuletzt auch die Qualität der Gottesdienste leiden. Es wäre, wie wenn man eben die Zauberflöte in einem Provinztheater spielen würde statt in der Wiener Staatsoper, ohne üppige Kulissen, ohne Philharmoniker, ohne die reichhaltige Ausstattung – ebenso armselig, wie im Abendmahlsaal. Und Roos wird, wie viele dann soziologistisch: Eine Gefahr, der ich in meiner pastoralsoziologischen und pastoraltheologischen Arbeit unentwegt zu wehren versuchte. Es wird jetzt mit Zahlen bewiesen, dass es für die wenigen Gläubigen ohnedies zu viele Priester und damit auch immer noch zu viele Gottesdienst gäbe. Ein Vorgang der Konzentration sei daher durchaus sinnvoll. Man hält ja auch nicht mehr in jeder Kleinpfarrei einen Bildungswerkvortrag, sondern verlagert diesen sinnvoller Weise in einen größeren Raum, arbeitet bildungsökumenisch mit anderen Trägern zusammen, kann sich gute Referentinnen leisten und bringt viele Zuhörende auf die Beine. Kurzum, es geschehe so wie in der „Welt“ auch eine strukturelle Konzentration: eine Art „Verweltlichung“ also. Die Kleingeschäfte machen den Supermärkten Platz, die viel reichhaltiger ausgestattet sind. Sie sind wie Konsumtempel geworden, zu denen die Leute oft viele Kilometer fahren, um das für sie Passende zu finden. Und auch in der Verwaltung haben die Gemeinden eingespart. Kommunen wurden zu Großeinheiten fusioniert. Das hat zwar Bürgernähe gekostet, aber Geld und Personal gespart.

Auf dem Hintergrund einer solchen soziologistischen Argumentation kann man eine Reihe von Positionen von Lothar Roos gut verstehen. Dann könnte es nämlich sein, dass ein Kleingeschäft vor Ort zwar Waren anbietet, aber es kommen so wenige Kunden zum Einkaufen, dass das Geschäft schließen muss. Ähnlich könne es „passieren, dass die personae probatae (Zulehner) am Altar konzelebrieren und das Kirchenschiff leer wäre“ (89).

Wer so denkt, hat es dann nicht mehr weit, eben das Messangebot zu „konzentrieren“ und den Leuten zuzumuten, weitere Wege und damit „größere Opfer als heute vielfach üblich auf uns zu nehmen, um in würdiger und feierlicher Form unsere Liturgie feiern zu können“ (92) Um das auch für die Betroffenen zu erleichtern, wäre es nützlich „Fahrdienste zu organisieren, um nur beschränkt mobilen Menschen die Teilnahme an einer Eucharistiefeier zu ermöglichen“. Man kann vermuten, dass Roos keine kleinen Kinder betreut und auch nicht Menschen mit Behinderte oder Alte und Kranke, sonst würde er als Praktischer Theologe nicht derart unpraktisch reden.

 

"Klerurgie" statt Liturgie

Roos zitiert zur Unterstützung seiner Position den Kapuzinerpater Paulus Terwitte: „Wo Priester noch Gottesdienste ‚anbieten‘, finden sich kaum noch Laien ein.“ (90) Diese Aussage durchzieht die Überlegungen von Roos wie ein roter Faden. Es ist das vom der Ekklesioloigie und Liturgietheologie befreit Bild vom Gottesdienst der Kirche. Priester veranstalten. Laien „besuchen“ diese Veranstaltung. „Gottesdienstbesucher“ ist das aufschlussreiche theologische Unwort, an dem man gut die zugrundeliegende Liturgietheologie erkennen kann. Und wenn diese besuchten Gottesdienste wie Roos unterstellt, attraktiv gestaltet sind: Warum polemisiert er dann in schicker anbiedernder Weise eigentlich gegen das gottesdienstliche „event“, ohne beispielsweise die mit dem Papst zelebrierten Eucharistiefeiern auf den Weltjugendtagen zu erwähnen? (90) Liturgie im gesamten Beitrag ist nicht Tun des Volkes mit dem Priester zusammen. Das Wort „Gemeinde“ (Gottesvolk, Gottesdienstversammlung) kommt lediglich in Zitaten vor, die Roos verwirft (z.B. meine Überlegung zur Eucharistiefähigkeit der Gemeinden: 89). Es ist bei Roos (und anderen von ihm zitierten Autoren) der Priester, der für das Volk zelebriert: was notfalls auch ohne Volk geht, wie ich bei einer „tridentinisch“ gefeierten Messe an einem Seitenaltar m Petersdom unlängst miterlebt habe – ein einziger Ministrant reicht aus). Liturgie erscheint im Beitrag nicht als „Tun des Volkes“, sondern „Tun des Priesters“ – als „Klerurgie“ sozusagen. Auf diesem Hintergrund wirkt folgender Satz wie ein groteske Selbstkritik: „Der litugische ‚Klerikalismus‘ der ‚Modernisierer‘ übertrifft bei weitem die angebliche ‚Pfarrherrlichkeit‘ früherer Zeiten.“ (91) Roos verlässt damit den Boden der Liturgietheologie des Zweiten Vatikanischen Konzils. Und das ist das Tragische an seinem Beitrag.

 

Magie der Zahlen

Das macht auch verständlich, dass er sich in fragwürdige Zahlenspiele verheddert. Wichtige vorgetragene Argumente kreisen um die Größe der Gottesdienstgemeinde: „In einigen dort angebotenen Sonntagsgottesdiensten finden sich öfter kaum mehr als 60-80 Teilnehmer.“ In der Tat, solche Baumärkte werden schließen. Sie sind nicht mehr rentabel. Aber wäre dann die Zusammenkunft Jesu mit der Handvoll Leute im Abendmahlsaal rentabel gewesen? Jesus hätte sich doch besser in den gut besuchten Zentraltempel nach Jerusalem begeben! Zudem: Auch die Menschen, die sich in der Frühzeit der Kirche in den Häusern zum Herrenmahl versammelt haben, waren überschaubar und gewiss weniger als 60-80, weil die Privathäuser so viele Menschen wohl nicht fassen konnten. Dass vermutlich zumeist die Hausherrin oder der Hausherr der Feier vorstand, ist eine besondere Delikatesse.

 

Kirchenumbau

In einer ziemlich platten Weise kokettiert Roos mit der „Glaubenskrise“ in unseren modernen Kulturen. Dabei ist klar, dass bei der Verkündigung des Evangeliums die Kirchen viel zu lernen haben. Die Menschen sind „wählerischer“ geworden, auch skeptischer und kirchenirritierter. Der Dialog der Evangelisierung, in dem die Kirche lernt und lehrt (so Johannes Paul II. an die Bischöfe Europas), hat eine andere Logik als die Indoktrination von Glaubenssätzen und Morallehren. Das kann man selbst in der auf der Höhe der Zeit arbeitenden Missionsschule der europaweit tätigen Bewegung Emmanuel lernen.

Evangelisierung bedeutet aber nicht nur, Menschen für die Jesus-Bewegung zu gewinnen, sondern auch in Gemeinschaft von Jüngerinnen und Jüngern zu versammeln. Weitblickend hat das Joseph Ratzinger 1970 so formuliert: „Sie [die Kirche im Jahr 2000] wird sich sehr viel stärker gegenüber bisher als Freiwilligkeitsgemeinschaft darstellen, die nur durch Entscheidung zugänglich wird. Sie wird als kleine Gemeinschaft sehr viel stärker die Initiative ihrer einzelnen Glieder beanspruchen.“[3]

Alle innovatorischen missionarischen Projekte setzen auf diese Sammlung entschieden Glaubender in Gemeinschaften des Evangeliums. So etwa das pastorale Modell aus dem französischen Poitiers. Der Bischof anerkennt örtliche Gemeinschaft nur, wenn genügend Leute da sind, die miteinander eine gläubige Gemeinde bilden wollen, alle erforderlichen Dienste erbringen, einschließlich der Leitung der Gemeinde. Hier sind die Laien, ist das Kirchenvolks mit seiner Fähigkeit und seiner Pflicht zur Selbstorganisation gefordert. Roos hätte sich auch die Mühe machen können, die Bücher, die ich mit dem südafrikanischen Bischof Fritz Lobinger und Peter Neuner veröffentlich habe, zu konsultieren. Er hätte dann erfahren, dass die „personae probatae“ genau nicht die von ihm letztlich verspottete „einfach Lösung“ (89) sind. Bischof Lobinger, dem ich pastoraltheologisch voll beipflichte, erwägt die (Aus-)Wahl von personae probatae durch die örtliche Gemeinde nur für den Fall, dass sich diese Gemeinde über fünf Jahre eben in ihrer Lebensfähigkeit bewährt hat und nun genau das hat, was Johannes Paul II. als Pflicht der Priester ansah: dafür zu sorgen, „das in der Gemeinde ein wahrer ‚Hunger‘ nach Eucharistie lebendig bleibt‘ (92). Man hat allerdings heute den Eindruck, dass die gläubigen Gemeinden, aber auch Gemeinschaft von Ordensfrauen, es sind, die eucharistisch verhungern, weil die kirchliche Autorität für eine rechtlich zulässige Eucharistiefeier nicht vorsorgt. Man mag sich dann über illegitim gefeierte Herrenmähler in gläubigen Gemeinschaften ereifern und diese verurteilen: noch mehr Schuld aber lädt in diesem Fall die Kirchenleitung auf sich, welche gläubige Gemeinschaften in eine solche Notlage versetzen. Dabei darf nicht vergessen werden, dass es 209 in Nordafrika laut Tertullian selbstverständlich war, dass in einer solche Situation, wo die kirchliche Autorität keinen Ordinierten zugewiesen hat, jemand aus der Gemeinde genommen wurde: für das „offerre et tinquere“, wie es im lateinischen Text heißt, also für Taufe und Eucharistie. Bei der Taufe haben wir diese Notregel bis heute. Bei der Eucharistie wächst nachweislich die Zahl jener Gemeinschaft, welche zu dieser Notregel greifen.

Der inzwischen emeritierte Bischof von Poitiers, Albert Rouet, blieb (wohl mit Blick auf die vorhandenen kirchenrechtlichen Rahmenbedingungen) in seiner zukunftsfähigen Ekklesiogenese auf dem Weg stehen: Bischof Lobinger hingegen geht, biblisch gedeckt, den logischen Schritt weiter. Wenn eine gläubige Gemeinde sich über fünf Jahre bewährt hat, soll sie die Möglichkeit erhalten, gemeindeerfahrene Personen auszuwählen, ausbilden und vom Bischof in ein „Team of Elders“, ein „Ältestenteam“ ordinieren zu lassen. Dogmatisch stünde dem nichts im Weg. So auch Joseph Ratzinger konsequenter Weise schon 1970: „Sie [die Kirche des Jahres 2000] wird auch gewiss neue Formen des Amtes kennen und bewährte Christen, die im Beruf stehen, zu Priestern weihen: In vielen kleineren Gemein-den bzw. in zusammengehörigen sozialen Gruppen wird die normale Seelsorge auf diese Weise erfüllt werden. - Daneben wird der hauptamtliche Priester wie bisher unentbehrlich sein.“

 

Gemeinden gründen und leiten

Ein schwerwiegender Fehler in den pastoraltheologischen Überlegungen von Lothar Roos liegt auch in seiner Engführung des presbyteralen Amtes auch die Feier der Sakramente und hier wieder der Eucharistie. Schon 1977, knapp nach dem Konzil und die Zeichen der Zeit gut erkennend, haben die Deutschen Bischöfe in der Ordnung der pastoralen Dienste über den Priester formuliert, dass diese „an Christi Statt Gemeinden gründen und leiten“. Es war wohl ein berechtigtes Anliegen von Ferdinand Klostermann, zugleich aber auch eine tragische Engführung, wie sich inzwischen zeigt, den Priester auf den „Gemeindeleiter“ zu reduzieren. Das war in relativ stabilen großkirchlichen Verhältnissen sinnvoll. Aber in Zeiten, in denen die Kirche ganze Generationen und darin jede und jeden Einzelnen neu für das Evangelium gewinnen muss, ist diese Engführung fatal. Gemeinden werden weltweit und auch in Europa längst faktisch von Laien geleitet. Hauptaufgabe der Priester müsste es nach der Anweisung der Bischöfe sein, dass Priester neue Gemeinschaften des Evangelium gründen und so lange fördern, bis sie dank der ihnen geschenkten Charismen allein lebensfähig sind und – so Bischof Lobinger – nach ausreichender Konsolidierung über fünf Jahre aus ihren eigenen Reihen „gemeindeerfahrene Personen“ für das kirchliche Amt finden können.

Ein solches Vorgehen würde auch der Theologie der Liturgie wieder gerecht. Die gläubigen Gemeinschaften, die nach Johannes Paul II. (2003) ein „Recht auf Eucharistie“ haben, ist zuzutrauen, dass sie in ihren Reihen genug geeignete Personen finden, die sich für ein „Ältestenteam“ eignen. Bischof Lobinger ist es dabei wichtig zu betonen, dass er hier nicht die heute vorhandenen Hauptamtlichen (Diakone, Laientheologen) meint. Dabei wird dann klar, dass es die Gemeinde ist, welche durch den Priester das Wirken Gottes im Heiligen Geist erbittet. Daher feiert nicht der Priester mit der Gemeinde die Eucharistie, sondern die Gemeinde feiert unter der Leitung des Priesters.



[1] So wünscht der Passauer Pastoralplan 2000, dass die Gottesdienste „gottvoll und erlebnisstark“ sind. Das Eine schließt das Andere nicht aus, sondern geradezu ein. Zulehner, Paul M. u.a.: Gottvoll und erlebnisstark. Für eine neue Kultur und Qualität unserer Gottesdienste, Ostfildern 2004.

[2] Teilhard de Chardin, Pierre: Lobgesang des Alls, Olten u.a 1964.

[3] Ratzinger, Joseph: Glaube und Zukunft, München 1970 (Kösel), 122.

 

 

 

Lothar Roos: Wortgottesdienst statt (als) Eucharistiefeier

Gottesdienst 11 (28.5.2012), 89-92.

Prof. em. Dr. Lothar Roos, Pastoraltheologe, Bonn

in: Gottesdienst 11 [46 (2012), 89-92]

Wortgottesdienst statt (als) Eucharistiefeier?


Wir alle machen die schmerzliche Erfahrung, dass wegen des Priestermangels heute nicht mehr in jeder Kirche, in der dies bisher üblich war, eine sonntägliche Eucharistiefeier stattfinden kann. Welche Schlussfolgerungen soll man aus diesem pastoralen „Notstand" ziehen?

 

Die „einfachste" Lösung

Die einfachste Lösung des Problems kommt aus Österreich. Nach Auskunft des Wiener Pastoraltheologen Paul M. Zulehner gibt es nur eine Antwort auf alle heutigen pastoralen Probleme, nämlich „Wege zu mehr Priestern"1. In seiner betriebswirtschaftlichen Diktion heißt dies „Ausweitung des Personalpools, aus dem die katholische Kirche ihre Priester auswählt"2. Denn die „Eucharistiefähigkeit der Gemeinden" sei der „ehelosen Form der Priester unterzuordnen"'. Inzwischen ist die Saat Zulehners in Österreich aufgegangen: Eine vom früheren Wiener Generalvikar Helmut Schüller organisierte österreichische „Pfarrer-Initiative" stellt in einem „Aufruf zum Ungehorsam" u. a. fest: „Wir werden möglichst vermeiden, an Sonn- und Feiertagen mehrfach zu zelebrieren oder durchreisende und ortsfremde Priester einzusetzen. Besser ein selbst gestalteter Wortgottesdienst als liturgische Gastspielreisen." Solche Wortgottesdienste mit Kommunionspendung sollten als „priesterlose Eucharistiefeier" angesehen und auch so benannt werden. Auch solle jede Pfarrei „einen eigenen Vorsteher" haben: „Mann oder Frau, verheiratet oder unverheiratet, hauptamtlich oder nebenamtlich". Deshalb sollte jede Gelegenheit genutzt werden, „öffentlich für die Zulassung von Frauen und Verheirateten zum Priesteramt" zu werben4. So einfach wären alle Probleme zu lösen, würde die Kirche nur den „ungehorsamen" österreichischen Pfarrern folgen. Dabei könnte es bei weiterem Fortgang des Glaubensschwundes allerdings passieren, dass die personae probatae (Zulehner) am Altar konzelebrieren und das Kirchenschiff leer wäre.

 

Ein kaum überzeugender Weg

Die schon lange insbesondere auch auf der „Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland" (1971-1975) diskutierte Frage, in Familie und Beruf „bewährte Männer" (Viri probati) zur Priesterweihe zuzulassen, um so den „Priester- [90] mangel" zu beheben, wurde Anfang letzten Jahres in spektakulärer Weise von acht namhaften Unionspolitikern wieder erneuert.5 Der Tenor des Schreibens lautet: Alle Gründe, an der Ehelosigkeit der Priester festzuhalten, wögen nicht so schwer wie „die Not vieler priesterloser Gemeinden, in denen die sonntägliche Messfeier nicht mehr möglich ist". Der Brief weist darauf hin, dass die Zahl der „Geistlichen in der Pfarrseelsorge" seit 1960 in Deutschland von 55.500 auf 28.500 zurückgegangen sei, also um 45 Prozent. Dabei wird allerdings nicht gesagt, dass der Anteil der sonntäglichen Gottesdienstbesucher unter den Katholiken im gleichen Zeitraum von 46 % auf 13 % kollabierte, also um ca 70 % einbrach. Der Rückgang an praktizierenden Katholiken war also wesentlich stärker als der Rückgang der Priesterweihen. Alexander Kissler fragt: „Sollte uns das nicht stärker umtreiben? Ist die Verdunstung des Glaubens nicht der dramatischere Befund als die wachsende Entfernung zwischen den Stätten sonntäglicher Eucharistiefeier?" Und er fragt weiter: „Ist es in Zeiten fast maximaler Mobilität .unverhältnismäßig', fünf oder zehn oder mehr Kilometer zurückzulegen? Ist es .unverhältnismäßig', vielleicht gemeinsam sich aufzumachen zum Höhepunkt kirchlichen Lebens, zur Feier von Wochenanfang und Auferstehung, zur persönlichen Begegnung mit dem Herrn der Geschichte und des Kosmos, dem Erlöser?"6

Noch deutlicher wird der Kapuziner Paulus Terwitte: Er knüpft an das Wort der Politiker von der „besorgniserregenden Zunahme des Priestermangels" an und fragt: „Wer ist besorgt? Sicher nicht die vielen, die ihre Kinder nicht taufen lassen, nicht mehr kirchlich heiraten, keine Krankensalbung erbitten für die sterbende Mutter, seit der Erstkommunion nicht mehr beichten waren, sonntags der Eucharistiefeier fernbleiben." Insofern könne „der gemeine katholische Laie nicht mehr begründen, für wen und für was er überhaupt Priester wollen soll und warum er dafür mitsorgen muss". Aus dem „Appell" wehe ihm „die leider falsche Antwort entgegen: Priester müssen preußisch ordentlich flächendeckend alle Untertanen mit Sakramenten versorgen. Auch wenn niemand versorgt werden will." Und er fährt fort: „Wo Priester noch Gottesdienste .anbieten', finden sich kaum noch Laien ein.

Wo Laien, bewährte Männer und Frauen, Wort-Gottes-Feiern begehen, noch weniger. Ein Vir-Probatus-Priester wird, wenn die Laien sich nicht ändern, achtzig Prozent seiner Werktagsgottesdienste mit acht bis zwölf Personen feiern. Die bewährten verheirateten evangelischen Pastoren predigen selbst sonntags vor nicht viel mehr Gläubigen. Auch das macht nicht gerade Mut, in der Weihe von Viri probati ein geistliches Hilfsmittel Gottes für seine Kirche zu sehen"7. Dem kann man statistisch hinzufügen, dass sich die Zahl der Bewerber für das Pastoren/Pastorinnenamt in den evangelischen kirchlichen Gemeinschaften im Vergleich zu 1990 inzwischen um drei Viertel reduziert hat8.

 

Eucharistiefeier als „Event"

Das am 4. Februar 2011 veröffentlichte „Memorandum von Theologieprofessoren und -Professorinnen zur Krise der katholischen Kirche" stellt wie selbstverständlich fest: „Die Kirche braucht auch verheiratete Priester und Frauen im kirchlichen Amt." Im Blick auf den Gottesdienst ist darüber hinaus die Bemerkung interessant: „Die Liturgie lebt von der aktiven Teilnahme aller Gläubigen. Erfahrungen und Ausdrucksformen der Gegenwart müssen in ihr einen Platz haben. Der Gottesdienst darf nicht im Traditionalismus erstarren. [...] Nur wenn die Feier des Glaubens konkrete Lebenssituationen aufnimmt, wird die kirchliche Botschaft die Menschen erreichen." Wie dieser „Event"-Charakter der Eucharistiefeier näherhin aussehen soll, dazu machen die Autoren keine Aussagen. Genau aus der Manie, den Eucharistiefeiern „Erlebniswert" im Sinne moderner Unterhaltungsveranstaltungen im Blick auf „konkrete Lebenssituationen" geben zu wollen, ist jene liturgische Hanswursterei entstanden, die vielen Gläubigen „auf die Nerven geht"9. Das Memorandum reklamiert die „Rechte der Gläubigen". Es verstößt aber gerade durch seine liturgischen |91] das Bistum Augsburg beschritten. In einem „Hirtenwort" zur österlichen Bußzeit 2012 geht der Augsburger Bischof Dr. Konrad Zdarsa von dem Wort des Konzils aus, dass „die christliche Gemeinde nur aufgebaut wird, wenn sie Wurzel und Angelpunkt in der Feier der Eucharistie hat" (Dekret über Dienst und Leben der Priester I, 6). Die Gemeinden „müssen deshalb dafür sorgen, dass in der Gemeinde ein wahrer .Hunger' nach der Eucharistie lebendig bleibt. Dieser .Hunger' soll dazu fuhren, keine Gelegenheit zur Messfeier zu versäumen und auch die gelegentliche Anwesenheit eines Priesters zu nützen" (vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Ecclesia de Eucharistia III, 33). Der Augsburger Bischof zieht daraus den Schluss: „Wir haben also Grund und Auftrag, jeder Entwicklung zu wehren, in deren' Verlauf das Bewusstsein für die zentrale Bedeutung der sonntäglichen Eucharistiefeier verloren zu gehen droht." Genau diese Gefahr sieht der Bischof im Ersatz bisheriger Eucharistiefeiern durch Wortgottesdienste. Deshalb hat er angeordnet, dass diese in Zukunft nur noch in Krankenhäusern, Altenheimen und ähnlichen Einrichtungen stattfinden sollen. Ferner solle „in jeder Pfarrei bzw. Pfarreiengemeinschaft ein zentraler Eucharistieort festgelegt werden. Dort wird an jedem Sonntag und Feiertag zu gleichbleibender Zeit die hl. Messe gefeiert. Das ist die vom Kirchenrecht festgelegte und für den Pfarrer verpflichtende Messfeier für die Pfarrgemeinde." Dessen ungeachtet könne „dank der tatkräftigen Mitarbeit der Priester und Ruhestands-Geistlichen, [...] auch weiterhin die heilige Messe an anderen Orten zu unterschiedlichen Zeiten gefeiert werden." Außerdem solle man daran denken, dass Jahrhunderte lang „kleine Kapellen, in denen nur ganz selten die Eucharistie gefeiert wurde, unübersehbare Zeichen des Glaubens und Stätten der Verehrung der Gottesmutter und aller Heiligen verfügbar waren und sind". Sie könnten ihre Bedeutung behalten, ja neu gewinnen, durch gottesdienstliche Feiern, wie z. B. „Frühschichten, Kreuzweg-Andachten, Mai-Andacht oder Rosenkranzgebet".

Diese Lösung halte ich im Grundsatz Für richtig und zukunftsweisend. Die sonn-tägliche Eucharistiefeier ist der kostbarste Schatz der Kirche. Um sie tatsächlich zu „feiern", sind bestimmte Bedingungen unverzichtbar: eine genügend große Zahl von Gläubigen, um so in Gebet und Gesang den Gottesdienst zu entfalten; eine nicht zu geringe Anzahl von Ministranten, ein kirchenmusikalisch gut ausgebildeter Organist, ein Kirchenchor, der an bestimmten Anlässen liturgisch mitwirkt. Dies alles ist immer schwerer in „Gottesdienst-Gemein-den" zu erreichen, an denen nur ein paar Dutzend Gläubige teilnehmen.

 

Gelebte eucharistische Frömmigkeit

Viel wichtiger als das flächendeckende Angebot von Wortgottesdiensten wäre die weithin verschüttete Neubelebung der eucharistischen Frömmigkeit. Mit Erschrecken kann man in den letzten Jahrzehnten in vielen unserer Gotteshäuser eine Art eucharistischer Verwahrlosung wahrnehmen. Die Ehrfurcht vor dem Allerheiligsten leidet Not. Vielfach wird in der Kirche vor allem nach dem Gottesdienst laut geredet. Erstkommunikanten wissen oft nicht mehr, warum man beim Betreten der Kirche das Weihwasser nimmt und das Knie beugt. Wir danken in jeder heiligen Messe dem Vater, dass er uns den Sohn geschenkt hat, und wir Gott „im Geist und in der Wahrheit" anbeten dürfen. Die Kommunion ist das feste Band der Liebe zwischen Gott und den glaubenden Menschen und zwischen diesen. Indem wir sie empfangen, nehmen wir teil am Leben des dreifaltigen Gottes und werden so zur neuen Gemeinschaft der Glaubenden, die von Gott „herausgerufen" (Kirche = die Herausgerufenen) wurde, um die Lebenshingabe des Herrn „für die Vielen" stellvertretend zu feiern. Er, dessen Leib wir empfangen, bleibt bei uns „alle Tage bis zum Ende der Welt". Das liturgische Zeichen dafür ist der Tabernakel, das „Zelt Gottes unter den Menschen", und das „ewige Licht", das auf diese Gegenwart hinweist. Wenn wir Eucharistie so im Glauben verstehen und daraus leben, dann werden wir auch bereit sein, größere Opfer als heute vielfach üblich auf uns zu nehmen, um in würdiger und feierlicher Form unsere Liturgie feiern zu können. Dies schließt in keiner Weise aus, dass im Laufe der Woche in den verschiedenen Kirchen der Pfarreiengemeinschaften möglichst zu einem festen Termin die Werktagsmesse gefeiert wird.

Ein Blick in die Liturgie der „Ostkirchen"

Vielleicht hilft auch noch ein Blick in die liturgische Tradition der „Ostkirchen", um die Bedeutung einer feierlichen Liturgie zu verstehen. Das „Überwintern" der orthodoxen Christenheit unter widrigen politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen war nur möglich dank der Mystik und frommen Feierlichkeit ihrer Liturgie. Man versteht dort Liturgie als ein Stück vorweggenommener „Himmel auf Erden", als Antizipation des „neuen Himmels und der neuen Erde". Zu einem solchen Selbstverständnis der Eucharistiefeier gehört der Chor, der Weihrauch, die Ikonostase, die liturgische Verborgenheit und das Verbergen des Geheimnisses. Die vielfache Wiederholung ähnlicher Riten, wie sie in der Liturgie des heiligen Chrysostomus vorkommt, dient in Gebet, Gesang und Riten der innerlichen Vermittlung des damit verbundenen Glaubens. Erfüllt von sehnsuchtsvoller Hoffnung, gestärkt durch die liturgische Geborgenheit, die man im Gottesdienst erfährt, trägt man die alltägliche Not des Lebens bis zum nächsten Sonntag. Es ist im Blick auf die Liturgie des Ostens wohl kein Zufall, dass sich heute auch tiefgläubige junge Menschen zu der Eucharistiefeier im außerordentlichen Ritus hingezogen fühlen. Sie tun das um so mehr, je weniger die Eucharistiefeiern im ordentlichen Ritus mit jener Frömmigkeit und jenem Reichtum der Formen und Riten gefeiert werden, die der großen abendländischen liturgischen Tradition entsprechen. □

Anmerkungen zum Leitartikel

1 Paul M Zulehner: Wie geht 's Herr Pfarrer? Ergebnisse einer kreuz-und-quer-Umfrage: Priester wollen neue Formen, Wien 2010, S.38.

2 Ebd. S. 39.

3 Ebd. S. 41.

4 Vgl. Stephan Baier: „Pfarrer-Initiative" gelobt Ungehorsam, in: Die Tagespost vom 28. Juni 2011 Nr. 76. S. 4.

5 Politiker fordern Priesterweihe für Verheiratete. Schavan, Lammert und Teufel schreiben an die deutschen Bischöfe, in: FAZ, vom 21. Januar 2011. Nr. 18, S. 1f.

www.kath.net/detail.php?id=29911 vom 28.01.2011.

7 Paulus Terwitte: Ehemann und Priester? Niemals!, in: Christ und Welt vom 18.02.2011 Nr.7, S. 2.

8 Vgl. Pfarrermangel bei Protestanten, in: Kirchenzeitung für das Erzbistum Köln vom 17.9.2010 Nr. 37. S.4 (KNA).

9 So machte z. B. in einer Kirche im Bistum Trier ein Ordenspriester am letztjährigen Palmsonntag den „Esel" zum Mittelpunkt der Liturgie, bastelte dafür eigene Orationen zusammen und ließ die Lesung der Passion ausfallen.

10 Bernhard Sutor: Reform aus den Gemeinden, in: Christ in der Gegenwart Nr. 9/2011, S. 93.

 

Lesen Sie meinen Kommentar dazu.

Vatileaks

Gastkommentar in FOCUS 2012

Die Kirche ist ein „gläsernes Haus“, so Papst Johannes Paul II. vor Medienschaffenden. Dabei war dem Papst schon klar, dass es auch Bereiche gibt, in die es keinen Einblick gibt und eine Balance zwischen Transparenz und Diskretion vorhanden sein muss. Zum Wohl der Menschen schützt die Kirche das Beichtgeheimnis. Johannes XXIII. konnte angesichts eines drohenden Atomkriegs in Kuba nur hinter den politischen Kulissen diplomatisch erfolgreich agieren. Das alles ist gut so.

Es scheint aber auch eine „Geheimdiplomatie anderer Art“ zu geben. Das sind Vorgänge, die das Licht der kirchlichen Öffentlichkeit scheuen, in deren Akten niemand als ein kleiner Innenkreis Einblick nehmen darf. Einige davon sind nun dank Vatileaks an die Öffentlichkeit geraten. Ein Vertrauensbruch, von einem Angestellten im Umkreis des Papstes? Oder der Zipfel einer größeren Verschwörung: Aber gegen wen?

Wie immer das moralische Urteil über diesen Vorgang ausfällt: Was ans Licht kam ist eine Lesehilfe für die Konstellation im Machtzentrum der katholischen Kirche. Vatileaks führt unweigerlich zur Frage, wie der derzeitige Papst die Kirche leitet.

Benedikt XVI. hat enorme Stärken. Es ist ein großer Theologe unserer Zeit. Seine Worte bei Ansprachen an die Welt oder bei Pastoralbesuchen sind verständlich, oft berührend. Viele hat es betroffen gemacht, als er bei seinem Besuch in seiner Heimat Bayern kurz nach der Landung auf dem Flughafen sagte, dass wir heute inmitten des lauten Lärms modernen Lebens, gotttaub geworden, die leise Musik Gottes nicht mehr hörten. Der Papst liest viel, lädt zu Fachtagungen, schreibt anspruchsvolle Bestseller. Manche nennen ihn respektvoll deshalb einen „Teilzeitpapst“, weil er ebenso viel Zeit für Bücher verwendet wie für (dann noch dazu gestohlene) Akten.

Nun gibt es Leute, die mit der Leitung großer politischer Gebilde und weltweiter Organisationen gut vertraut sind, welche den „Vatikan“ mit all seinen Dikasterien (Ministerien) gänzlich auflösen, neu errichten und mit neuen Leuten bestellen würden. Anders sei die Administration nicht zu sanieren. Selbst der mächtige Papst Johannes Paul II. hat vor dem „Vatikan“ kapituliert und sich für wichtige Entscheidungen eine Art „kleine polnische Kurie“ mit seinem Privatsekretär Dziwisz an der Spitze geschaffen. Manche vermuten, dass es inzwischen eine „süddeutsche Kurie“ geleitet vom Privatseketär Gänswein gebe.

Nicht zu den Stärken von Benedikt XVI. zählt sein „Headhunting“ für die Leitung der Vatikanischen Ämter. Die Bestellung des wichtigsten Mannes neben dem Papst, seinem „Außenminister“ Tarcisius Bertone, verursachte bei vielen Entsetzen. Kurz nach dessen Bestellung rief mich ein hoher kirchlicher Würdenträger an, um mir für meine Arbeit in den Medien mitzuteilen, „eine Katastrophe sei passiert: Bertone sei der Nachfolger von Sodano geworden“. Diese Einschätzung ist, trotz dessen Verteidigung durch den Papst, inzwischen nicht besser geworden. Ein hochrangiger österreichischer Politiker, der eineinhalb Stunden beim Außenminister des Vatikans zu Gast war, bezeichnete die gesamte Begegnung als nichtssagend. Viele nehmen an, dem Papst wäre unter Sodano die Williamsgeschichte nicht passiert: also die Rehabilitation eines Bischofs, der den Holocaust leugnet. Bertone hatte den Papst offensichtlich schlecht gebrieft. Und dass der Papst dann in einem Brief an die Bischöfe einräumte, dass man im Vatikan künftig das Internet besser nützen müsse, sagt auch viel über das Zusammenspiel im Vatikan. Der Leiter der deutschsprachigen Sektion des Radio Vatican, der Jesuit Eberhard von Gemmingen, erzählte mir, er hätte den Papst über diese Geschichte der Öfteren informieren wollen, habe aber keinen Termin bekommen. Manche hatten gehofft, dass der Papst Bertone nach Erreichen der Altersgrenze in den Ruhestand gehen ließe: Sie wurden aber auch darin enttäuscht.

Ob Vatileaks mit der Unzufriedenheit mit Bertone und Gänswein zu tun hat? Auch wenn das nicht der Fall sein sollte: Die Diskussionen um das baldige Ende der Amtszeit von Bertone sowie um die ambivalente Rolle des Privatsekretärs Gänswein sind für die Leitung der katholischen Weltkirche nur ein Segen.

Manche vermuten, dass sich derzeit in Rom potentielle Nachfolger von Benedikt XVI. in gute Startpositionen bringen wollen. Ob aber das der Kirche nützt? Der schon erwähnte Pater von Gemmingen hat unlängst eine tolle Idee geäußert, der ich persönlich viel abgewinnen kann: Das nächste Konklave solle nicht nur der Wahl des nächsten Papstes dienen. In diesem solle vielmehr – etwa ein halbes Jahr lang – über den Weg der katholischen Kirche beraten werden. Alle ungelösten Fragen wie Evangelium und moderne Welt, Scheidung und Wiederheirat, Priestermangel, Position der Frauen in der Kirche usw. gehörten auf die Tagesordnung dieses Sonderkonklaves. Und erst wenn man sich über den Kurs der Kirche in den kommenden Jahren geeinigt hat, solle man zur Wahl schreiten.

 

"Sie würden Leute am Scheiterhaufen verbrennen." Die Rechten in der Kirche.

Interview im Standard-online vom 18.4.2012, mit einem update am 7.5.2012

KRISENZEIT IN DER KIRCHE

"Sie würden Leute am Scheiterhaufen verbrennen"

INTERVIEW | STEFAN HAYDEN, 18. April 2012, 11:59, update am 4.5.2012

Die Theologen Paul Zulehner und David Berger über Sexualmoral und den rechten Rand der Kirche

Die Entscheidung von Kardinal Christoph Schönborn, die Wahl eines homosexuellen Gemeinderats in Niederösterreich zu bestätigen, hat zu einer neuen Debatte über die Sexualmoral der römisch-katholischen Kirche geführt. Während die offizielle Kirche sich zu keinem klaren fortschrittlichen Standpunkt in der Frage der Homosexualität durchringen kann, wird auf Fundamentalisten-Treffpunkten wie kreuz.net selbst die Einzelentscheidung Schönborns diffamiert.

Die Pfarrerinitiative um Helmut Schüller stößt währenddessen mit ihren Forderungen, dass Frauen Priester werden dürfen und Priester heiraten dürfen, in Rom weiterhin auf taube Ohren. derStandard.at hat deshalb zwei Theologen zum aktuellen Zustand der Kirche befragt. Paul Zulehner und David Berger sprechen über die Verflechtungen des Vatikans mit kreuz.net, die Dominanz Ultrakonservativer und über Homosexualität in der Kirche. Die beiden wurden getrennt voneinander befragt.

derStandard.at: Haben sich die Gruppen, die Plattformen wie kreuz.net nutzen, in den letzten Jahren noch weiter radikalisiert?

Berger: Ja, das ist meine feste Überzeugung. Ich beobachte diese Szene seit gut zehn Jahren, auch aus der Innensicht. Bei kath.net habe ich am Anfang mitgearbeitet und am eigenen Leib die Radikalisierung dieser Gruppen miterlebt. Das kam nicht zuletzt durch eine Rückkoppelung: Sie haben von Rom spätestens seit 2005 immer wieder das Signal bekommen, das ist uns recht, was ihr macht. Gerade kath.net hat mehrmals von Benedikt eine ausdrückliche Belobigung bekommen. Und ich habe es in Rom immer wieder erlebt, dass man die Arbeit von kreuz.net sehr gern gesehen hat.

Ein deutscher Bischof hat mir vor einigen Monaten gesagt: "Das Problem ist, wenn wir heute auf kreuz.net kritisiert werden, dass wir morgen einen Anruf aus dem Staatssekretariat des Vatikans bekommen und gefragt werden, was macht ihr denn da?" Ich schätze, jetzt setzt man wieder auf diese Karte. Wir machen so lange Stunk übers Internet, bis etwas von Rom kommt.

derStandard.at: Glauben Sie, wird das Schönborn im aktuellen Fall auch passieren?

Berger: Ich befürchte, dass er Order bekommt, es bei dem Einzelfall zu belassen. Das wird man so nicht stehen lassen, weil eben diese konservativen, reaktionären Kreise Stimmung gemacht haben. Es wird auch nicht lange dauern, bis das wieder bekannt wird. Bis kreuz.net die Information hat, dass Schönborn von Rom zurückgepfiffen worden ist. Denn das ist ja auch bekannt, dass diese Internetseiten an Informationen kommen, die eigentlich intern sind.

derstandard.at: Da sie selbst mitgearbeitet haben, welche Leute stecken hinter diesen Portalen?

Berger: Von kreuz.net habe ich mich von Anfang an klar distanziert, da habe ich nie mitgearbeitet. Das hat sich dann auch entsprechend tragisch entwickelt. Nicht nur Homophobie, sondern auch Antisemitismus und anderer Blödsinn feiert da fröhliche Urständ. Das eigentlich Schockierende ist aber, dass kath.net auch aus Kirchensteuergeldern und mit Geldern des kirchlichen Hilfswerks "Kirche in Not" finanziert wird.

derStandard.at: Herr Zulehner, wie charakterisieren Sie die Leute, die hinter kreuz.net und kath.net stehen?

Zulehner: Das deutsche Bundesamt für Verfassungsschutz hat die Seite von kreuz.net als „teilweise antisemitisch und muslimfeindlich“ eingestuft. Dieses Internetportal sei „eine Beleidigung für jeden gläubigen Katholiken“, so der Mandatar des Deutschen Bundestages Beck (Kathpress vom 3.4.2012). Gruppen, die hinter kreuz.net stehen sind politisch und kirchlich rechts angesiedelt. Nach allen Untersuchungen über diesen Pol der Kirche und der Gesellschaft sind diese Personen mit dem Persönlichkeitsmerkmal „Autoritarismus“ („Unterwerfungsbereitschaft“ im Sinn von Th. W. Adorno) hoch ausgestattet. Sie setzen auf rigide Moral. Nach außen zeigt er sich durch verbale Gewalttätigkeit. Die Scheiterhaufen werden heute freilich nicht mehr real, sondern medial errichtet, und zwar durch eine hochaggressive Sprache. Sie haben ein mit Freiheit nicht kompatibles Verständnis von Gehorsam. Kathnet und andere eher evangelikal-konservative Seiten wie in Deutschland idea, das mit kath.net kooperiert, sind moderater, agieren innerkirchlicher. Antisemitismus, Antiislamismus und Fremdenfeindlichkeit wurden bisher hingegen von kathnet nicht befürwortet. (Dieser Absatz ist das Update vpm 7.5.2012)

derStandard.at: Landen solche Leute besonders oft bei der Kirche?

Zulehner: Die sind überall, die sind ja manchmal auch zugleich in der FPÖ und zugleich bei kath.net. Es gibt keinen inneren kirchlichen Grund, sondern diese Leute nehmen sich aus der Religion das, was ihnen entspricht. Und das sind Moral und Ordnung.

derstandard.at: Wen würden Sie in Österreich als die maßgebenden konservativen Kräfte innerhalb der Kirche ausmachen?

Zulehner: Doch kath.net und kreuz.net. Früher war das auch ein Teil im ganz rechten Flügel der ÖVP, aber der hat sich mehr oder minder aufgelöst. Aber der alte Adel ist relativ stark. Es gibt natürlich Leute in der Kirche, die urkonservativ sind. Das gibt es in allen Religionen. Aber ich glaube, es ist kein Sondergut der Religionen.

derstandard.at: Diese Leute werden aber doch von Rom in ihrer Haltung bestätigt?

Zulehner: Die kriegen durchaus ein günstiges Klima. Für die, die Pluralität wünschen, die auf Gewissen und Freiheit setzen, wird es zunehmend eng in der Kirche. Man muss natürlich schon sagen, dass Kardinal Schönborn in der Frage der Homosexualität eben nicht diese Spur verfolgt. Ich glaube, dass er bei sehr vielen Menschen Hoffnung geweckt hat, dass es mit gewissenhafter Verantwortung und Freiheit in der Kirche doch noch nicht zu Ende ist.

Berger: Wenn man sich anschaut wie einflussreich solche Gruppen unter Papst Benedikt geworden sind, die Pius-Bruderschaft, kreuz.net, kath.net, aber auch die ganz vielen anderen kleinen, die im Hintergrund agieren, dann merkt man, die sind unheimlich im Aufwind. Gerade die jüngeren Geistlichen sind zu 80 Prozent auf der konservativen Schiene.

Zu sagen, wir warten, die alten Konservativen sterben weg, ist völliger Blödsinn. Denn häufig sind die Kleriker, die noch die vorkonziliare Zeit miterlebt haben und gesehen haben, dass die alte Messe eben nicht das Heilmittel aller Probleme der Welt war, progressiver als die Jungspunde, die in einer völlig säkularen Welt aufgewachsen sind. Und die jetzt in der klerikalen Märchenwelt ein Gegenstück suchen.

derStandard.at: Welche Erkenntnisse haben Sie durch die Pfarrerstudie über die Haltung innerhalb der Pfarrerschaft gewonnen?

Zulehner: Die Pfarrer sind mehrheitlich freiheitsorientiert. Es ist ja auch interessant, dass 72 Prozent im Klerus die Pfarrer-Initiative unterstützen. Wir haben vor allem unter den immer weniger werdenden jüngeren Priestern eine Zahl, wie auch in der Gesamtgesellschaft, die die lästige Last der Freiheit wieder loswerden will.

derStandard.at: Das heißt, diese Gruppe findet man jetzt ganz verstärkt in den Priesterseminaren?

Zulehner: Ja, überdurchschnittlich im Vergleich zu früheren Generationen von Priesteramtskandidaten. Weil diejenigen, die liberaler sind, wegbleiben.

derStandard.at: Erreicht die Kirche also heute nur mehr rechte Nachwuchskräfte?

Zulehner: Man erreicht die Leute, die mit einem unterwerfungsbereiten, unfreien Begriff von Gehorsam wenig Probleme haben. Ich glaube, dass es ist nicht nur die Schwäche der Großparteien ÖVP und SPÖ ist, dass FPÖ und BZÖ im Grunde genommen immer stärker werden, sondern das liegt auch an einer kulturellen Entwicklung. Die hohen Zeiten der 68er sind vorbei. Zwischen 1970 und 1995 haben wir einen ständigen Rückgang des Autoritarismus in der Bevölkerung festgestellt, seitdem nehmen die Daten wieder zu.

derstandard.at: Herr Berger, wer geht heute noch ins Priesterseminar?

Berger: Ich sage immer ein bisschen spaßhaft, die sind zu 80 Prozent sehr konservativ und zu 70 Prozent sind sie homophil/homophob. Das ist so das Spektrum, das heute ins Priesterseminar geht. Wenn dann irgendwelche Skandale auffliegen, wie 2004 in St. Pölten, dann merkt man, dass da durchaus was dran ist. St. Pölten ist geradezu ein Schlüsselerlebnis, um zu sehen, wie paart sich extremer Konservativismus - denn das waren Regens Küchl, Subregens Rothe und sicher auch Krenn - mit extremer Homophilie in all ihren Schattierungen.

derStandard.at: Gibt es Priester, die ihre Homosexualität offen ausleben?

Zulehner: Also wir haben dazu eigentlich keine Detailstudien, wir haben nur flächendeckende, anonyme Studien. Wir meinen, wenn es überhaupt Beziehungen im Klerus gibt, dann eher homosexuelle denn heterosexuelle. Da scheint es einen leichten Überhang zu geben. Aber sonst sind wir nicht in der Lage, seriös Zahlen zu nennen, wer wirklich in einer akuten Beziehung lebt.

Berger: Wir haben eben keine absolut belastbaren soziologischen Studien dazu. Zwei Studien aus den 90er Jahren aus Nordamerika und eine aus den Niederlanden kommen zu dem Ergebnis, dass in den USA und hier in Westeuropa die Zahl der Homosexuellen unter den Geistlichen etwa zwischen 40 und 60 Prozent liegt. Was man sagen kann, ist, dass die Anzahl homosexueller Kleriker in der katholischen Kirche weit über dem Durchschnitt in der Normalbevölkerung liegt. Wie weit, das halte ich dann für müßig, darüber nachzudenken.

derstandard.at: Hat sich der Umgang der Kirche mit Homosexualität gewandelt?

Berger: Solange die Homosexualität illegal war, vom Staat tabuisiert worden ist, war die einzige Möglichkeit für einen homosexuellen Mann, wenn er nicht heiraten wollte und auch nicht als irgendein verschraubter Onkel auf dem Land zum Gespött der Gesellschaft werden wollte, katholischer Priester zu werden. Die Kirche war geradezu ein Schutzraum für diese Leute. Mit der modernen Schwulenbewegung kommt eine Alternative. Ich muss, wenn ich entdecke, dass ich schwul bin, nicht mehr unbedingt ins Kloster gehen.

Das taucht jetzt als Konkurrenz auf, und da reagiert die Kirche geradezu allergisch. Eine Person steht von Anfang an im Mittelpunkt der allergischen Reaktion: Josef Ratzinger. Und als er Papst wird, vermehrt sich das noch. Ich habe für mein neues Buch auch in den "Acta Apostolicae Sedis" recherchiert. Die gesamten letzten Jahre kommt er immer wieder auf dieses Thema zu sprechen. In der Geschichte kenne ich keinen Papst, der so homophob agiert hat wie Benedikt XVI. Und dadurch ermutigt er natürlich diese konservativen Gruppen noch, eins draufzusetzen.

derStandard.at: Was erwarten Sie von der Pfarrerinitiative?

Berger: Ich hoffe, dass das ein Gegengewicht sein könnte. Denn es passiert endlich einmal was. Und wenn man sich die inhaltlichen Punkte anschaut, sind die überlebenswichtig für die katholische Kirche, wenn sie nicht zur fundamentalistischen Großsekte werden soll. Das muss man ja den österreichischen Bischöfen zugestehen, besonders Schönborn, dass sie versuchen, diesen komplizierten Weg zwischen den Reaktionären und den Liberalen zu gehen. Aber dass von Rom dann gleich mit disziplinarischen Maßnahmen gedroht wird, ist im Grunde eine Bankrotterklärung. Und ich befürchte, dass sie sich am Ende durchsetzen werden.

derstandard.at: Kann es sich Rom überhaupt noch leisten, mit harten Maßnahmen vorzugehen?

Berger: Denken Sie an die Rede, die Papst Benedikt in Freiburg gehalten hat, wo er von der Entweltlichung der Kirche gesprochen hat. Das heißt, sie wollen lieber eine kleine, elitäre Gruppe, die hundert Prozent hinter dem Papst steht, als eine Volkskirche. Das ist im Grunde das Programm Benedikts. Das findet sich schon sehr früh in seinen Schriften, wir müssen uns gesundschrumpfen, das ist sein Lieblingswort in diesen Schriften. Das heißt, weg mit den liberalen Elementen. Und das ist ja genau der Ton, den kreuz.net und kath.net anschlagen: Werdet doch evangelisch, wir brauchen euch nicht.

derStandard.at: Herr Zulehner, was ist Ihre Einschätzung, wie geht es mit der Pfarrerinitiative weiter?

Zulehner: Die Pfarrerinitiative lebt ja nicht von dem, was die Pfarrer gerne hätten, sondern letztlich von dem, was in vielen Kirchengemeinden faktisch gelebt wird, wie Sakramentenempfang für wiederverheiratete Geschiedene, dass Laien predigen und solche Fragen. So muss man eigentlich die Frage stellen, ob es gelingen wird, das, was kirchenamtlich gesagt wird, und das, was faktisch getan wird in den Gemeinden, deckungsgleich zu machen oder einander näher zu bringen. Ich glaube, das Problem haben weniger die Pfarrer, sondern die Bischöfe. Weil offensichtlich die Pfarrer mit ihrer Initiative signalisieren, die Reformen laufen, mit oder ohne Bischöfe. Und es wäre fatal, würden die Reformen ohne die Bischöfe laufen.

derStandard.at: Und Sie glauben, das wird in Österreich passieren?

Zulehner: Etwa bei der Frage Ehescheidung und Wiederverheiratete ist das nicht ein Konflikt Schüller gegenüber Schönborn, sondern Schönborn gegenüber dem Papst.

(Stefan Hayden, derStandard.at, 18.4.2012)

Paul M. Zulehner (72) ist Pastoraltheologe und war bis 2007 Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Er gilt als einer der besten Kenner der Kirche. Seine zahlreichen Studien beschäftigten sich neben der Werteforschung vor allem mit dem Kirchenpersonal. Im Februar ist Zulehners jüngste Untersuchung zur österreichischen Pfarrerschaft erschienen: "Aufruf zum Ungehorsam - Taten, nicht Worte reformieren die Kirche".

David Berger (44) ist Theologe und wurde 2003 in Rom zum korrespondierenden Professor der Päpstlichen Akademie des heiligen Thomas von Aquin ernannt und war Herausgeber von "Theologisches", der führenden Zeitschrift konservativer Katholiken. Von 1998 bis 2001 war er Dozent an der Kongregation der Diener Jesu und Mariens in der Diözese St. Pölten. Aus Protest legte er Anfang 2010 seine Herausgeberschaft nieder und veröffentlichte im selben Jahr sein Buch "Der heilige Schein. Als schwuler Theologe in der katholischen Kirche". Heute unterrichtet er Deutsch an einem Gymnasium, die Erlaubnis zum Religionsunterricht wurde ihm im Vorjahr vom Kölner Erzbischof entzogen.

 


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Für Hans.

Am 8. September  2011 verstarb 77jährig mein Bruder Hans (Johannes Zulehner). Er verbrachte sein Leben mit einer starken Behinderung. Hier die Predigt bei der Bestattung am 24.9.2011 in St. Thomas.

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Greisinghof, 29.6.2017: Willkommenskultur (PDF wie gewünscht)

St. Georgen, 28.6.2017: Papst Franziskus verändert die Pastoralkultur

Teil 1 (Eine erbarmungslose Welt)

Teil 2 (Gott des Erbarmens)

Teil 3 (Pastoral des Erbarmens)

Oberchützen, 15.6.2017: Eine biblische Kirchenvision. In der Nachfolge des Heiland sind wir Heil-Land. MP4 | PDF

Salzburg, 25.5.2017: Entängstigt euch [EFL-Berater] MP4 - PDF

Ljubljana, 18.5.2016: 50 Jahre Družina

Vortrag 1: Migration und Kirche (Migracija in Cerkev) MP4

Vortrag 2: Zur Zukunft der Kirchen in Ost(Mittel)Europa (O prihodnosti krščanstva v Vzhodni (Srednji) Evropi) MP4

Bamberg, 28.4.2017: Erwachsenenbildung in der Angstgesellschaft MP4 | PDF

TRISTACH - Caritas Innsbruck, 21.4.2017: Entängstigt euch | Afrikanische Willkommensmusik | Ton | PDF der Präsentation

St. Florian, 4.4.2017: Bischof Bünker - Zulehner: 500 Jahre Reformation - Jubiläum oder Gedenken  | Zulehner M4a sowie Thesen dazu | Bünker_M4a (die Referate wurden in dieser Reihenfolge gehalten)

Mannheim, 27.3.2017: Pfarrer-Initiative Deutschlands - Nonne et laici sacerdotes sumus?
(Tertullian, 209) | MP4a | PDF | Das Projekt Lobinger

Auf YouTube: https://youtu.be/k99gH0WHDh4

Wien, AKV, 21.3.2017: Zur Situation der Kirche | PDF (Thesenblatt | MP3 (Vortrag)

Gmunden, 17.3.2017: Der tiefe Fall. 500 Jahre Reformation MP4 | PDF

Ravensburg, 5.3.2017: Kirche ist Gemeinschaft (Fastenpredigt) - (Ton) M4a | (Text) PDF

Fehring, 2.3.2017: Bäuerinnentag - Frauensolidarität MP4

Niederaltaich, 18.2.2017: Diözesanversammlung KLVB - MP4

Niederalteich, 17.2.2017: Zwischen Ärger und Zuversicht MP4

Steinakirchen am Forst, 16.2.2017: Zwischen Ärger und Zuversicht MP4

Rosenheim, 15.2.2017: Entängstigt euch! MP4

Stuttgart Hohenheim, 9.2.2017: Seniorenpastoral - leider nur etwas mehr als die erste halbe Stunde MP4 den Rest können Sie nachlesen in den Charts der Präsentation als PDF

Heidenreichstein 1.2.2017: Asyl. Schaffen wird das? MP4

Tainach, 21.1.2017: Vom Gesetz zum Gesicht. MP4

emerit. Univ Prof. Dr. Dr. Paul M. Zulehner, Kramer-Glöckner-Straße 36, 1130 Wien, Österreich
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