Tuesday 24. April 2018

Pastorales Forum
wissenschaftliche Erforschung der religiös-kirchlichen Lage in den ehedem kommunistischen Staaten Ost- und Mitteleuropas.
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Warum bleiben die einen und gehen die anderen (OÖN 13.1.2011)

13942 haben in der Diözese Linz im Jahr 2010 die katholische Kirche verlassen. In ganz Österreich waren es 87393. Was hat die Menschen bewogen zu gehen? Ein Gastkommentar von Paul M. Zulehner
Wir haben die Ausgetretenen im Juli und August 2010 selbst gefragt. 55% nannten als Grund die Kirchensteuer. Der Kurs der Kirche störte  40%. Die Sexualmoral der katholischen Kirche hat 36% gehen gemacht. Der sexuelle Missbrauch rangiert mit 29% relativ weit unten in der Liste. TABELLE 1: „Weshalb sind Sie aus der Kirche/Religionsgemeinschaft ausgetreten?“

2000

2010

Kirchenbeitrag

66%

55%

Kurs der Kirche

44%

40%

Sexualmoral der Kirche

x

36%

Sexueller Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen

x

29%

innerkirchliche Skandale

x

26%

die Kirche ist undemokratisch

x

24%

Haltung der Kirche gegenüber der Frauen

x

20%

persönliche Glaubenskrise

8%

8%

von Eltern abgemeldet

1%

2%

Streit mit kirchlichem Personal

10%

10%

politische Situation zur NS-Zeit

3%

5%

Partner hat andere Religion

1%

3%

Einfluss von Sekten

2%

3%

Aber sind wir hier schon bei den Ursachen? Oder sind es eher „Anlässe“, einen Schritt zu tun, den man schon länger mit sich trägt? Immerhin haben 32% der Mitglieder aller christlichen Kirchen in Österreich einen Kirchenaustritt erwogen – in der Diözese Linz waren es 31%. Unter den Mitgliedern der evangelischen Kirche sind es mit 30% annähernd so viele. Das ist – ganz unabhängig von der Performance der Kirche – heute eher normal. Wir leben in einer Kultur, die dem einzelnen Menschen freistellt, über sich selbst zu bestimmen. Glaube ist, so der berühmte Religionssoziologe Peter L. Berger, nicht mehr Schicksal, sondern Wahl. Wer also geht, wählt. Aber auch wer bleibt, wählt. Und wer eintritt, wählt auch. So haben wir die 31% in der Diözese Linz, die einen Austritt erwogen haben, weiter gefragt, wie sie sich entschieden haben: 5% faktisch ausgetreten; 65% aber haben sich entschieden, dennoch zu bleiben. 30% befinden sich im Austrittsstandby. Und warum haben sich die Leute so unterschiedlich entschieden? Warum treten die einen aus, treten aber weit mehr auf? Ich beschreibe es zunächst an meiner eigenen Geschichte mit meiner Kirche. Ich kenne als ein Insider die dunklen Seiten der Kirche wahrscheinlich besser als viele, welche die Kirche verlassen haben. Auch mich stören diese dunklen Seiten: die Unfähigkeit, die Kirchenmitglieder an wichtigen Entscheidungen zu beteiligen, der Reinheitswahn, der sich in den Bildern von einer heiligen und daher von Sexualität „bereinigten“ Kirche niederschlägt, und nicht zuletzt – was aber mit der verbogenen Sexualkultur zusammenhängt – der miserable Umgang der männlich stilisierten Kirche mit den Frauen. Obwohl ich also ein sehr hohes Maß an Irritationen erlebe, bleibe ich „dennoch“: Weil mir das Evangelium wichtig ist, und der Auftrag Jesu an seine Jüngerinnen und Jünger, Licht der Welt und Salz der Erde zu sein. Mir ist die sonntägliche Feier der Eucharistie wichtig und die vielen gläubigen Feiern meiner Gemeinschaft, die mich in der Tiefe Gottes von meiner Angst heilen und mich zu dem werden lassen, wozu mich Gott geschaffen hat, ein solidarisch liebender und schöpferischer Mensch. Ich weiß mit 51%, dass „ohne die Kirche das Land sozial kühler“ wäre. Die Forschung bestätigt meine eigene Erfahrung. Wenn die Irritationen, die trennenden Störungskräfte groß sind, brauche ich noch größere Bindungskräfte. Fehlen diese, dann hält einen nichts mehr zu bleiben, schon gar nicht wenn ich dafür bezahle. Dem Satz „So wie die Kirche heute ausschaut, ist sie keine Hilfe für mein Leben.“ haben von allen Mitgliedern der katholischen Kirche 42% (in Linz 57%) zugestimmt. Von den Ausgetretenen taten dies 78% (in Linz 73%). Störungen sind somit letztlich nicht die Ursache für Kirchenaustritte. Aber sie wirken wie Brandbeschleuniger. In Austrittswellen gehen allerdings auch immer einige gut Verbundene, die mit dem Austritt ein Zeichen des Protests geben wollen. Sie sagen damit der Kirche, dass sie ihnen in der Kirche zu eng ist. Wie sehr manche ein Zeichen des Protest gesetzt haben, ist daran ablesbar, dass 33% (in der Diözese Linz 34%) unter Umständen bereit sind, wieder einzutreten, 46% von ihnen nach wie vor an Gott glauben, 55% sich für einen Christen und 57% für einen gläubigen Menschen halten. Es wandert also mit dem Austritt bei manchen auch der Glaube aus der Kirche in die säkulare Welt hinein. Die Kirche selbst tritt so besehen mit ihrem Innersten aus ihrem „Flussbett“ aus, das manchen – der Kirche selbst? -  zu eng geworden ist. Ob die Kirche daraus lernt, das Flussbett zu erweitern? Der Benediktinerpater Steindl-Rast dachte laut in diese Richtung. TABELLE 2: Abschied von der Kirche – bei vielen auch vom Glauben

stimmt voll und ganz zu

stimmt zu

zusammen

Die Kirche hat für mein Leben keine Bedeutung.

55%

18%

73%

Ich kann auch ohne Kirche an Gott glauben.

71%

14%

85%

Die Botschaft Jesu Christi und die Bibel sagen mir nichts.

34%

17%

51%

Antworten auf einer fünfteiligen Skala TABELLE 3: gläubig auch nach dem Austritt aus der Kirche

stimmt voll und ganz zu

stimmt zu

zusammen

Ich bin nach wie vor an der Kirche interessiert.

4%

10%

14%

Ich glaube, dass es einen Gott gibt.

24%

22%

46%

Ich bin religiös, aber die Kirche hilft mir dabei nicht.

34%

19%

53%

Ich halte mich nach wie vor für einen Christen,
eine Christin.

30%

25%

55%

Ich betrachte mich nach wie vor als gläubiger Mensch.

34%

23%

57%

Solche Forschungsergebnisse zeigen der Kirche einen vernünftigen und unaufgeregten Weg inmitten der Megakrise. Es gilt, an der Seite der Menschen die Bindungskräfte zum Evangelium zu stärken. Zugleich ist der Kirche dringlich zu raten, Irritationen zu vermeiden, Frauen in einem nächsten Schritt in Leitungsämter und ins Diakonat zu bitten, Geschiedene die wieder heiraten wie in der streng christlichen Ostkirchen zu den Sakramenten zuzulassen und die Betroffenen an wichtigen Entscheidungen angemessen zu beteiligen – also z.B. das Kirchenvolk von Graz, Feldkirche und Salzburg an der Suche nach guten Bischöfen.
» Zeitworte

Für Hans.

Am 8. September  2011 verstarb 77jährig mein Bruder Hans (Johannes Zulehner). Er verbrachte sein Leben mit einer starken Behinderung. Hier die Predigt bei der Bestattung am 24.9.2011 in St. Thomas.

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Bern, 28.10.2017: Bildung im Kontext von 500 Jahren Reformation | MP4

St. Georgen, 28.6.2017: Papst Franziskus verändert die Pastoralkultur

Teil 1 (Eine erbarmungslose Welt)

Teil 2 (Gott des Erbarmens)

Teil 3 (Pastoral des Erbarmens)

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emerit. Univ Prof. Dr. Dr. Paul M. Zulehner, Kramer-Glöckner-Straße 36, 1130 Wien, Österreich
http://zulehner.org/