Friday 19. January 2018

Pastorales Forum
wissenschaftliche Erforschung der religiös-kirchlichen Lage in den ehedem kommunistischen Staaten Ost- und Mitteleuropas.
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Die Natur liegt ständig in den Wehen. (SN 14.3.2011)

Ethik. Die Welt ist nicht fertig, sondern im Werden. Die Frage nach dem Bösen und dem Leid bleibt unbeantwortbar. Josef Bruckmoser im Gespräch mit Paul M. Zulehner.
Der Wiener Theologe und Pastoralsoziologe Paul M. Zulehner beschreibt die Schöpfung als einen ständigen Geburtsvorgang voller schmerzhafter Wehen. Die Frage, warum dabei Kinder und Unschuldige sterben müssen, „bleibt für uns unbeantwortbar“, sagt Zulehner im SN-Gespräch: SN: Herr Zulehner, in der Bibel steht, macht euch die Erde untertan. Warum ist das ein ewiger Kampf: Mensch und Natur? Zulehner: Wir unterschätzen die Größe und die Entwicklung der Natur. Sie hat wesentlich mehr Kraft als wir zähmen können. Die deutsche Mystik im Mittelalter hat gesagt, die Schöpfung ist ein ständiger Gebärvorgang, eine andauernde Geburt mit unglaublichen Wehen. Sich diese Natur „untertan“ zu machen heißt dann, der Mensch muss lernen, mit diesen Voraussetzungen zu leben, er muss zusehen, wie er auch mit vorhersehbaren Katastrophen wie ein Erdbeben und Tsunamis leben kann. Es ist erstaunlich, wie Japan gelernt hat, in der Bauweise der Hochhäuser dem Rechnung zu tragen. Wir sind also dabei, vorzusorgen, aber mit dieser jetzigen Wucht hat wohl auch in Japan niemand gerechnet. SN: Der Mensch hinkt hinter der Urgewalt der Natur hinterher. Zulehner: Weil er offenbar nur aus schlechten Erfahrungen lernt. Die mächtigen Tsunamis der vergangenen Jahre haben dazu geführt, dass es jetzt ein besseres Vorwarnsystem gibt. Die Herausforderung ist, nach unserem Wissen zu handeln. Wir wissen, dass durch die Erderwärmung der Meeresspiegel steigen wird. Wenn das so ist, müssten wir schon jetzt dazu bereit sein und damit beginnen, die Menschen in Bangladesh umsiedeln. Sie können vorhersehbar dort auf Dauer nicht leben. SN: Ein Erdbeben ist eine Naturkatastrophe. Sie wird aber durch die Atomkraftwerke, die der Mensch gebaut hat, noch verschärft. Zulehner: Es liegt in der Natur der Wissenschaft, dass sie neugierig ist und Grenzen überschreitet – ob das die Atomphysik ist oder die Gentechnik. Wir müssen die Naturwissenschaften nützen, um die Menschheit am Leben zu erhalten. Aber wir müssen eine viel größere Sensibilität entwickeln für die Abwägung der Risiken, die umso unkontrollierbarer werden, je mehr Kräfte der Natur wir zähmen und freisetzen. Da sind diejenigen, die forschen, und diejenigen, die mahnen wichtig. Sie müssen miteinander im Gespräch bleiben, damit das unvermeidliche Risiko minimiert werden kann. Wir können nicht maximale wirtschaftliche Entwicklung und maximale Sicherheit gleichzeitig haben. SN: Die Ethik läuft aber der wissenschaftlich-technischen Entwicklung meist hinterher. Zulehner: Der Zugriff auf den Atomkern und auf den Zellkern ist möglich geworden. Das sind die zwei enormen Herausforderungen. Da muss der Mensch sehr behutsam in einem maximalen Freiheitsraum forschen, aber sich gleichzeitig immer die ethische Frage nach den Risiken gefallen lassen. Zu Recht leistet sich dafür gute Politik Ethikkommissionen. Letztlich werden wir aber sagen müssen, dieses All, in das wir hineingestellt sind, hat letztlich eine unzähmbare Kraft, über die wir nie die Herren sein werden. SN: Gibt es aus der Bibel Hinweise, wo die Grenzen liegen? Ist es eine Sünde, eine AKW zu bauen? Zulehner: Das ist eine Frage an die Vernunft, nicht an die Bibel. Dem Menschen ist der Verstand gegeben, um zu sehen, welche Möglichkeiten ihm die Natur bietet, um das Leben für möglichst viele Menschen friedlich und zumindest in Ansätzen gut zu gestalten. Der Mensch muss diese Vernunft so nützen, dass er mit den Bedingungen der Natur im Einklang steht und nicht wie der Zauberlehrling Kräfte freisetzt, die er nicht mehr zähmen kann.
Das Christentum ist der Appell abzuwägen, ob das, was wir können, so gestaltbar ist, dass die Risiken verantwortbar bleiben. Der Mensch muss technische Möglichkeiten, die er ausgeforscht hat, auch zurückstellen, wenn die Vernunft ihm sagt: Das geht nicht, weil es zu riskant ist. SN: Ist es nicht schon in der Bibel so, dass Gott die Sintflut schickt? Kann man Gott freisprechen von dem Unglück, das Menschen trifft? Zulehner: Das ist eine ganz, ganz dunkle Frage. Die Menschen haben sich ausgeliefert gefühlt und gedacht, dass Gott wie ein Handwerker an der Welt arbeitet. Dem steht das andere Schöpfungsbild gegenüber, dass Gott ständig am Gebären dieser Welt ist, dass er mitten drinnen steht in diesem Geburtsvorgang. Da bekommt das Ganze eine andere Dimension. Gebärende Frauen wissen darum. Besonders seit dem verheerenden Erdbeben in Lissabon im Jahr 1775 stellt sich aber die Theodizeefrage bei solchen Naturkatastrophen ganz radikal: Warum trifft es mich? Was ist das für ein Gott, der Menschen, die in Lissabon in einer Kirche zum Gottesdienst versammelt waren, sterben lässt?
Wenn wir diese Frage konsequent zu Ende denken, bleibt sie an Gott hängen. Aber wir wissen keine Antwort. Der Konzilstheologe Karl Rahner hat das einmal so formuliert ’Wenn ich bei Gott ankomme, werde ich ihn als erstes fragen: Warum das Leid?’ SN: Bleibt am Ende nur die Klage des alttestamentlichen Hiob, so wie die Klage einer Mutter: Warum musste mein Kind in diesem Tsunami sterben? Zulehner: Ja, aber es bleibt auch die Solidarität in der einen Welt, die bei solchen Katastrophen immer stärker wird. Diese globalisierte Solidarität ist die einzige Antwort auf die unlösbare Frage des Warum: So miteinander umzugehen, dass wir die, die ins Leid geraten, auffangen und mittragen. Das Leid, dass die Natur ein Kind widernatürlich früh aus dem Leben reißt, braucht keine Erklärungen, es braucht Mitgefühl. SN: In der Kirche ist die Meinung nicht ausgerottet, dass Naturkatastrophen eine Strafe Gottes sind.
Zulehner: Das ist ein sehr heidnisches Gottesbild, das nicht mit der Bibel in Einklang steht. Wir dürfen bei solchen Katastrophen nicht individualistisch denken. Das hat nichts mit Schuld oder Unschuld des einzelnen zu tun, sondern es ist ein Stück Evolutionsgeschichte. Christen sagen nicht, dass die Geschichte immer ohne Leiden verläuft, sondern sie sagen, dass dieser andauernde Geburtsvorgang der Welt am Ende in eine Vollendung.
 
SN: Das Christentum behauptet aber, die Menschheit sei durch Jesus schon erlöst. Zulehner: Alle Menschen sind auf dem Weg hinein in jenes Heil, das in Jesus schon begonnen hat. Das ist die Verheißung – nicht dass es jetzt kein Leiden gibt. An Jesus selbst sehen wir, dass dieser Weg durch die Ur-Passion hindurchführt: durch den Tod.
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Für Hans.

Am 8. September  2011 verstarb 77jährig mein Bruder Hans (Johannes Zulehner). Er verbrachte sein Leben mit einer starken Behinderung. Hier die Predigt bei der Bestattung am 24.9.2011 in St. Thomas.

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Teil 1 (Eine erbarmungslose Welt)

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Rosenheim, 15.2.2017: Entängstigt euch! MP4

Graz, 20.1.2017: Fundamentalismus als Schutzmuster. MP3 | THESEN | PPT

Osnabrück, 8.11.2016: Der tiefe Fall. Zum Reformationsjubiläum 2017. MP4 | PDF

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