Sunday 21. October 2018

Pastorales Forum
wissenschaftliche Erforschung der religiös-kirchlichen Lage in den ehedem kommunistischen Staaten Ost- und Mitteleuropas.
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120 Jahre Rerum novarum (Festrede zur Jubiläumsfeier der FCG im Parlament)

Wirkungsgeschichte dieses zukunftsweisenden und bis heute gültigen Dokuments von 1891 bis in die Gegenwart.
In der „Gleichheit“ vom 15. 10. 1887– das Vorgängerorgan der Arbeiterzeitung – war der katholischen Kirche in Österreich vorgeworfen worden, „Klingelbeutel-Sozialreform“ zu betreiben. Die Arbeiterzeitung hatte diesen Vorwurf am 12.1.1894 und am 13.1.1898 wortgleich wiederholt. Tatsächlich hatten breite Kreise der katholischen Kirche auf Armenpflege gesetzt. So gab es in der Erzdiözese Wien 1882 zwanzig Häuser für die Pflege jener Kinder, deren Eltern in Fabriken arbeiteten. Die Kirche machte, was sie sehr gut konnte: Den Armen helfen. Und sie macht durch erste Hilfe so viel Gutes, dass selbst ihren Gegnern dabei Unbehagen blühte. So bemerkte ein liberaler Minister 1869 über die Errichtung von Arbeiterwohnungen in Wien: „Es sei notwendig, die Sorge für die Arbeiterwohnungen in verläßliche Hände zu bringen. Gegenwärtig haben sich nur Leute der klerikalen Richtung dieser Sache angenommen und dieser Umstand sei gefährlich.“ (Brügel, Ludwig: Geschichte der Österreichischen Sozialdemokratie, Band 1, Wien 1922, 181.) Und Karl Marx schrieb im gleichen Jahr in einem Reisebericht durch das Industriegebiet an seinen Freund Engels: „Bei dieser Tour durch Belgien, Aufenthalt in Aachen und Fahrt den Rhein hinab habe ich mich überzeugt, dass energisch, speziell in katholischen Gegenden, gegen die Pfarren losgegangen werden muss… Die Hunde kokettieren, wo es passend erscheint, mit der Arbeiterfrage.“ (Marx-Engels: Briefwechsel, Band 4., Berlin 1950, 272.) Die Kritik der Gleichheit und später der Arbeiterzeitung war aber nicht ganz unbegründet. Auch kirchenintern wuchs die Einsicht, dass der caritative Weg allein nicht ausreiche, um die Soziale Frage nachhaltig zu lösen. Es brauche eine tiefgreifende Veränderung der Gesellschaft, die sich nicht mehr an der feudal-ständischen Welt von gestern orientieren könne. 1891 vermerkte der sozial hoch engagierte Priester Joseph Scheicher, dass es nicht so viel Wert sei, hungernde Kinder zu speisen, „als mit an der Gesellschaftsreform zu arbeiten, welche es den Männern ermöglicht, Familien zu gründen und sie zu erhalten.“ Später formulierte Kardinal Joseph Cardijn: „Es ist gut, Hungernden Fische zu reichen. Aber es ist besser, sie fischen zu lehren.“ Inmitten solcher kirchlicher Neuorientierungen und sozialpolitischen Ringens in den zunehmend industrialisierten Gesellschaften ist am 15.Mai 1981 das erste große Sozialschreiben der katholischen Kirche erschienen: „Rerum novarum“, dessen 120-Jahrejubiläum heuer begangen wird. Zu spät, so klagen bis heute viele. Die bleibende Lösung, so jubeln andere. Aber vielleicht beides nicht? Sondern ein Dokument der Entschlossenheit der katholischen Kirche, sich der Entwicklung zu stellen, dazu aber unablässig weiter zu lernen, um sich wirkmächtig an einer menschenwürdigen Lösung der Sozialen Frage zu beteiligen? Rerum novarum war schon 1870 ein Versuch vorangegangen, sich auf weltkirchlicher Ebene mit der Arbeitsfrage zu befassen. Es war auf dem Ersten Konzil im Vatikan. Acht Mitglieder hatten den Antrag eingebracht, in welchem es hieß: „Alle Menschen, die guten Willens sind, erwarten, ja ersehnen von der ökumenischen Synode, dass sie die richtigen und heiligen Prinzipien der sozialen Ordnung verkünde und schütze, und in besonderer Weise die religiös gesinnten Arbeiter erheben Augen und Hände zur Mutter Kirche in der Erwartung, dass sie die Gesetze der christlichen Liebe und Gerechtigkeit in aller Herzen wieder erwecke und in der Gesellschaft wieder herstelle.“ (Lentner, Leopold: Das Erwachen der modernen katholischen Sozialidee, Wien 1951, 15) Dieser Antrag konnte nicht behandelt werden, weil wegen der Besetzung des Kirchenstaates das Konzil abrupt endete. Ich will in der knappen Zeit einer kompakten Festrede versuchen herauszuschälen, was wir Heutigen von Rerum novarum und seiner Vor- und Wirkungsgeschichte lernen können. Wir: damit meine ich nicht nur die FCG (26.4.1951), die heute ja auch mitjubiliert und der ich zum 60jährigen Bestand gratuliere. Im Blick habe ich alle jene Personen und Organisationen, die sich um das Wohl der Menschen im Land verantwortlich fühlen und engagieren: Gewerkschafter, politische Parteien, Sozialdenker in der Wissenschaft, in den Kirchen und Religionsgesellschaften, kurzum alle wahren Humanisten, oder, wie der unvergessliche Papst Johannes XXIII. stets formulierte: „alle Menschen guten Willens“.

Soziallehren fallen nicht vom Himmel.

Ein Erstes: Soziallehren fallen nicht vom Himmel. Leo XIII. hat sein Schreiben auch nicht auf Grund einer einsamen Inspiration an seinem Betschemel geschrieben. Zwei Jahre vor dem Erscheinen seiner Enzyklika, also 1889, hatten Mitglieder der sogenannten „Freiburger Vereinigung“ den Papst besucht. Unter ihnen war neben La Tour du Pin, Adrien Albert Marie du Mun, Prinz Aloys von Liechtenstein, Franz Graf Kuefstein auch Karl Freiherr von Vogelsang, der berühmte, nach Österreich immigrierte Konvertit aus Preußen. Er verantwortete die sozialpolitische Zeitschrift das Vaterland. In ihr finden sich erschütternde Berichte über das alltägliche Leiden des Proletariats in den um Wien herum errichteten Fabriken. Nach der Audienz hat der Papst über den Kardinal Zigliari von der internationalen Arbeitsgemeinschaft ein Memorandum erbeten, das als Unterlage für seine Sozialenzyklika gedient hat. Soziale Lehren und politische Programme wachsen stets von unten. Ihre wahren Autoren sind die leidenden Menschen. Vom erlittenen Leiden zum politischen oder kirchlichen Text braucht es dann Nach-Denker: also Leute, die das nach-denken, sich mit einem einfühlsamen Herzen und Verstand re-flektierend über das beugen, was sie in der Tuchfühlung mit den Leidenden und Bedrängten erfahren haben. Ziel des Nachdenkens ist es, in politischer Anstrengung Abhilfe zu schaffen. Diese Pflicht zum Eintauchen in das alltägliche Leiden der Betroffenen, zur „immersion“ (zum „Eintauchen“ in die Lebensverhältnisses der Anderen, wie lateinamerikanische Befreiungstheologen sagen), haben alle, die Programme formulieren, kirchliche oder politische. Anders erreichen Programme keine Wirkung. Nur so verstehen wir die historische Wirkkraft von Karl Marx, Ferdinand Lassalle, Viktor Adler, Otto Bauer – den großen wie den kleinen, Karl Freiherr von Vogelsang, Joseph Scheicher, Leopold Kunschak, Franz Martin Schindler und Karl Lueger oder später der Arbeitspriester Frankreichs oder der Befreiungstheologen rund um den Erdball. Alle haben sie als wahre Humanisten aus den Leiden des Proletariats, heute des Prekariats, also der Ärmsten der Armen gelernt. Es hat das stattgefunden, was in der Gründungsurkunde des Volkes Israel über Jahwe gesagt wird: „Gesehen, ja gesehen habe ich das Elend meines Volkes in Ägypten. Gehört, ja gehört habe ich die laute Klage über ihre Antreiber. Ich kenne ihr Leid.“ (Ex 3,7) Es ist, als hätten die großen Sozialreformer unserer Zeit den Aufruf des „Gesellen“ Friedrich Sanders über die Stimmung der Arbeiter gehört, der sich inmitten der bürgerlichen Revolution von 1848 zum Sprachrohr der Proletarier gemacht hatte und in der Zeitschrift „Constitution“ seine Artikel veröffentlicht hatte: „Und hört einmal, ihr Reichen, die ihr verächtlich auf unseren abgeschabten Rock, auf unsere derben Hände blickt, die ihr nie empfunden habt, was Sorge, was Noth ist, und nur wißt, wie man den sauer verdienten Lohn schmälert. Und ihr, die ihr in den Kaffeehäusern gähnt, und herauszuklauben sucht, ob uns der Russe, der Türke oder gar der Teufel holen wird, euch zankt, ob die deutsche Fahne schwarz, rot oder gold, oder schwarz, gold und rot sein müsse: alle Nachtheile tragen wir, wir allen, und mit Unrecht für euch mit. Seht her, indessen ihr schlemmt, leiden viele von uns den bittersten Mangel, mancher Familienvater ist bekümmert, woher er morgen das Brot nehmen soll, da alle Geschäfte daniederliegen. Was soll aus uns werden?“ (Flugblatt vom 8.Mai 1848.) Die Leiden des Proletariats aber war in der Zeit, als Rerum novarum erschien, erschütternd und angesichts unserer heutigen sozialstaatlichen Errungenschaften schier unvorstellbar. Und das mitten in jener schönen Stadt Wien, in der wir heute leben und 120 Jahre Rerum novarum und 60 Jahr FCG feiern. So schrieb 1896 der Wiener Moraltheologe Joseph Scheicher in der Wiener Kirchenzeitung folgende eigene Erfahrung, um den Klerikern die Lage der Proletarier beizubringen: „In einer ehemaligen Fabrik befindet sich eine ganze Kolonie von Gewerbsleuten: Wäscher, Schuhmacher, Wäsche-Erzeuger u.s.w. Ihre Bedürfnisse kaufen sie bei einem Fragner, der gleichzeitig Bier und Wein schenkt. Ich kaufte in diesem Laden ein Stück Brod. Als ich durch den Hofraum schritt, blickte ein kleiner Hund nach dem Brode, weshalb ich ihm ein Stückchen davon hinwarf. Augenblicklich fur aus einer im Hofe stehenden Kiste ein Kind auf den Hund los und riß ihm das Brod aus dem Rachen. Ich ließ mich durch das Kind zu dessen Mutter, einer Wäscherin, führen und frug sie um ihre Erwerbsverhältnisse. Sie erzählte mir, dass sie trotz der angestrengtesten Arbeit nicht genug verdienen könne, um sich wöchentlich einmal satt zu essen. Sie studiere hin und her, allein sie benöthige täglich fünfzehn Kreuzer, um zu leben. Wenn nun die Zeit komme, in welcher die Miethe zu zahlen sei, müsse sie auf das Essen Verzicht leisten, um die Miethe aufzubringen. Ich frug nicht weiter.“ (Scheicher, Joseph: Der Klerus und die Soziale Fragen, Innsbruck 1884, 53.) Und noch eine Kostprobe aus dem von Karl Freiherr von Vogelsang herausgegebenen Vaterland („Monatsschrift für christliche Sozialreform“, gegründet 1878), dermal aus dem Jahre 1883.
„Die Pottendorfer Baumwollfabrik gehört einer Aktiengesellschaft und es sind daselbst etwa 1000 Arbeiter beschäftigt. Gearbeitet wird von 5 Uhr morgens bis 6 Uhr abends mit einstündiger Unterbrechung das ganze Jahr hindurch; somit 12 Stunden täglich effektiv; sonntags wird selten gearbeitet. Kinder unter 14 Jahren sind nicht beschäftigt. – Der größte Theil der Arbeiter wohnt in Fabrikswohnungen, wofür sie je nach der Größe des Zimmers 21 bis 25 fl. jährlich an Miethe zu entrichten haben… Aus dem Gesagten geht hervor, dass ein lediger Arbeiter im Jahresdurchschnitte 200-210 fl., ein verheirateter 195-200, eine Arbeiterin 120 fl. verdient; rechnet man davon noch 20-25 fl. Miethe ab, so kann man sich einen Begriff davon machen, wie diese Leute bei den oben angeführten Lebensmittelpreisen [1 Kg Rindfleisch kostete 64 kr; 3-4 Eier 10 kr. 1 kg Mehl 16-24 kr.] leben. Bei diesen Zuständen ist es kaum erklärbar, dass in der Gewerbe-Expertise ein aus Pottendorf entsandter Experte die dortigen Arbeitsverhältnisse als gut erklärt hat.“ (Vogelsang, Karl Freiherr von: Die materielle Lage des Arbeiterstandes in Österreich, Wien 1983, 5-7.)

Ständiges Lernen

Ein Zweites. Die Vor- und Nachgeschichte von Rerum novarum zeigen, dass ständig weiter lernen muss, wer durch konkretes sozialpolitisches Engagement ungerechte Strukturen (Johannes Paul II. sprach von Strukturen der Sünde) nachhaltig (zumindest bis auf weiteres) verändern will. Die Katholische Kirche war seit der Mitte des 19. Jahrhunderts vielfältig behindert, die soziale Herausforderung überhaupt angemessen wahrzunehmen und an deren Lösung mitzuwirken. Auf der einen Seite musste sie sich von der Umklammerung durch den absolutistischen Staat befreien. Zugleich war sie durch einen weltanschaulich aggressiven Liberalismus und Marxismus bedrängt. Auch hatte die Kirche von der feudal-ständischen Gesellschaft viel profitiert. Die beharrenden Kräfte waren groß. Und nicht zuletzt gab es (wie schon in der Zeit von Karl Marx in Trier und Umgebung) eine pietistische Schlagseite in der Kirche, die auch heute wieder im Vormarsch ist, was Benedikt XVI. in seinem Interview mit dem Journalisten Seewald verwundert sagen lies: „Oft fragt man sich wirklich, wie es kommt, das Christen, die persönlich gläubige Menschen sind, nicht die Kraft haben, ihren Glauben politisch stärker zur Wirkung zu bringen.“ (Benedikt XVI: Licht der Welt, Freiburg 2010, 76) Überaus plastisch brachte der Arbeiterdichter Georg Herwegh diese fatale Versuchung der Christen zum Ausdruck. Sein Gedicht, veröffentlicht in der Arbeiterzeitung vom 23.8.1889, trägt den Titel Pfaffen-Trost Du wirst ein schönes Leben schauen,
Und ewig, ewig bleibt es Dein;
Man wird Dir gold’ne Schlösser bauen,
Nur – mußt Du erst gestorben sein. Du wirst bis zu den Sternen dringen,
Und stellen Dich in ihre Reih’n,
Von Welten Dich zu Welten schwingen,
Nur – mußt Du erst gestorben sein. Du wirst, ein freier Brutus, wallen
Mit Brutussen noch im Verein,
All‘ Deine Ketten werden fallen,
Nur – mußt Du erst gestorben sein. Wenn Sünder in der Hölle braten,
So gehest Du zu Himmel ein;
Du wirst geküßt und nicht verraten,
Nur – mußt Du erst gestorben sein - - Ob ihm der Ost die Segel blähe,
Was hilfts dem morschen, lecken Kahn?
Was hilft dem Fink die Sonnennähe,
den  t o d  ein Adler trägt hinan? Dass vor den Augen der Kirche eine tiefe technische, soziale, politische wie geistige Revolution stattfand, wollten viele nicht wahrhaben. Es gab lange das wohl gemeinte sozialromantische Retro-Bemühen, die Stände der Bauern und Handwerker politisch zu stärken und wenn es schon Fabrikarbeiterinnen gebe, sollten deren Rechte dadurch gesichert werden, dass sie als „vierter Stand“ in die alte Gesellschaft eingliedert werden. Es gab freilich auch Realisten, die wahrnahmen, dass die feudale Standesgesellschaft zu Ende ging und sich die neue Gesellschaft entlang der Polarität von Kapital und Arbeit organisiere. Nur auf dem Boden der Anerkennung dieser Realität sei daher eine Lösung der Großen Sozialen Frage des 19. Jahrhunderts denkbar. Leo XIII. hat diesbezüglich in seinem Rundschreiben den Durchbruch geschafft und die Kirche aus den sozialromantischen Träumen auf den Boden der realen Entwicklung zurückgeholt. Die Tatsache, dass nach der ersten Sozialenzyklika eine lange Reihe weiterer Lehrschreiben entstanden sind, ist der gesicherte Beweis dafür, dass auch Leo XIII. nur eine Momentaufnahme in einem Never-Ending-Lernprozess ist. Der selige Johannes Paul II. hat allein vier große Lehrschreiben verfasst; in seinem ersten Rundschreiben über die menschliche Arbeit (Laborem exercens, 1981) knüpft er unmittelbar an Rerum novarum an und klagte den Vorrang der Arbeit des lebendigen Menschen vor dem toten Kapital ein. Zehn Jahre später, zum 100-Jahr-Jubiläum von Rerum novarum stellte er die Frage: „Kann man sagen, dass nach dem Scheitern des Kommunismus der Kapitalismus das siegreiche Gesellschaftssystem sei?“ (Laborem exercens, 42) Seine Antwort fällt eindeutig aus: „Es hat manchmal den Anschein, als existierte der Mensch nur als Produzent oder Konsument von Waren oder als Objekt der staatlichen Verwaltung. Es wird vergessen, dass das Zusammenleben der Menschen weder den Markt noch den Staat zum Endziel hat. Er besitzt in sich selber einen einzigartigen Wert, dem Staat und Markt dienen sollen“ (Laborem exercens, 49). Das verwundert nicht. Denn das Lernen spielt sich auf der einen Seite immer im Rahmen der technologischen und sozialen wie politischen Bedingungen ab. Diese aber sind in einer immer rascheren Entwicklung. Der Quantensprung von der Dampfmaschine zum Mikrochip ist sozialethisch wie sozialpolitisch längst nicht aufgearbeitet. Auch nähern wir uns immer mehr der Grenze des Wachstums und der Belastbarkeit unseres Ökosystems Erde. Die modernen Finanzmärkte haben eine Eigendynamik entwickelt, wo das Virtuelle wirkmächtiger geworden ist als das Reale. Sie kreisen immer weniger um den Menschen und das Gemeinwohl, sondern sind von einer dunklen Gier getrieben ausschnitthaft auf die Mehrung des Zinseszinses bedacht. Die Krise des Virtuellen ist aber zur Bedrohung des Realen geworden: also letztlich der Menschen selbst. Zudem hat (anders als die nachhinkende Geisteswissenschaft) die Natur-Wissenschaft hat ein enormes innovatives Tempo erreicht, das sozialpolitisch und ökologisch kaum noch einzuholen ist. Sie greift – bislang ethisch weithin unbehindert – auf den Atomkern und den Zellkern zu: Die Lektionen von Tschernobyl und Fukushima haben zwar Erschrecken und Nachdenklichkeit verursacht. Aber die Folgen für die Energie- Wirtschaft- und Finanzpolitik, aber auch für unseren Lebensstil sind noch längst nicht erarbeitet.

Voneinander lernen

Der ständige technologische Wandel zwingt uns im sozialpolitischen Bereich also zum ständigen Weiterlernen. Das führt mich zu meiner dritten Beobachtung: Wegen unserer legitimen interessensgeleiteten Einseitigkeit sind wir darauf angewiesen, statt einander zu bekämpfen -  voneinander zu lernen. Alle Mitspieler auf dem sozialpolitischen Feld vertreten Interessen. Das heißt zunächst, dass jene, die von der Unternehmerseite her kommen, andere Interessen und damit auch Erkenntnisse haben, als die, welche die Interessen der Arbeitnehmer vertreten und, was wünschenswert wäre, auch jener, die arbeitslos sind. Interessen zu vertreten ist mehr als legitim, stärkt die erkennende Suchbewegung ebenso wie das sozialpolitische Engagement. Zugleich aber sind Interessen stets begrenzt. Es gehörte zu den zukunftsfähigen Einsichten von Rabin und Arafat im Friedensprozess zwischen Palästina und Israel, dass sie sich vornahmen, jeweils der Leiden der anderen zu gedenken. Das gilt abgewandelt auch hier. Der sozialpolitische Fortschritt kann nur gewinnen, wenn zwar alle Seiten ihre Eigen-Interessen erkennen und vertreten, zugleich sich aber auch deren Begrenztheit bewusst sind. Ständig lernen zu müssen heißt daher im sozialpolitischen Bereich ständig auch voneinander zu lernen. Das setzt Respekt und Wertschätzung der anderen Seiten voraus. So vermerkte Karl Freiherr von Vogelsang: „Wir sind der Sozialdemokratie großen Dank schuldig. Sie haben mit gewaltigen, unwiderstehlichen Keulenschlägen das ganze Truggebilde des Kapitalismus zertrümmert, und in der Tat ist erst hierdurch den Katholiken der Impuls gegeben worden, aus dem Schatz ihrer eigenen Tradition das Material zum Neubau hervorzusuchen.“ (Klopp, W. v.: Die sozialen Lehren des Freiherrn Karl v. Vogelsang. Grundzüge einer katholischen Gesellschafts- und Wirtschaftslehre nach Vogelsangs Schriften, Wien 21938, 84./260. Zu solchem Lernen voneinander braucht es Stärke und Demut, also die Tugend zu solidarischem Dienen. Und das um der Menschheit willen. Denn die Soziale Frage, in der wir heute stehen, ist längst nicht mehr national oder europäisch. Sie ist global geworden. Die Immobilienkrise in den USA hat die ganze Weltwirtschaft in eine noch keineswegs ausgestandene Krise gestürzt. Damit ist nach dem Kollaps des „real existierenden Sozialismus“, wie sich der Kommunismus ohne menschliches Antlitz euphemisch selbst nannte, auch der entfesselte Liberalkapitalismus an seine Grenzen gestoßen. Der eine ist an seiner wirtschaftlichen Untauglichkeit und seiner Missachtung von Freiheit und Individualität gescheitert, der andere an seinem Verlust des Menschen als Maß allen Wirtschaftens und damit am Hunger und Durst der Menschen nach Gerechtigkeit. Johannes Paul II. hat sich hier als wahrer Prophet erwiesen, wenn er nach dem Fall des Kommunismus in seinem Heimatland und in Osteuropa in Paris 1980 der Jugend zurief: „Ihr wisst, dass es in der heutigen Welt totalitäre Systeme gibt, die den Geist lähmen, seine Integrität verletzen, der Identität des Menschen Abbruch tun, indem sie ihn zum Objekt, zur Maschine entwürdigen, ihm seine innere Spannkraft, seinen Drang zu Freiheit und Liebe rauben. Ihr wisst gleichfalls, dass es Wirtschaftssysteme gibt, mit deren glanzvoller industrieller Expansion eine Abwertung und Zersetzung des Menschen einhergeht…“ Könnten daher die einen, denen an Unternehmertum und Freiheit gelegen ist, nicht lernen, dass es ohne Solidarität und Gerechtigkeit auf Dauer keine Freiheit geben wird? Johannes Paul II. wörtlich: „Es gibt keine Freiheit ohne Solidarität!“ (Ansprache in Berlin, 22.6.1996) Und sollten nicht auch jene, die unbeugsame und leidenschaftliche Anwälte der sozialen Gerechtigkeit aller Menschen in der ganzen Menschheit sind, lernen, dass es auch ohne Freiheit auf die Dauer keine Gerechtigkeit gibt? Die katholische Soziallehre, die seit Anfang an den konkreten Menschen in die Mitte gestellt hat, die Unantastbarkeit seiner Würde und das Recht auf Arbeit und Überlebensgüter für sich und seine Familie: Diese Soziallehre hat die so sensible Balance zwischen Freiheit und Gerechtigkeit in die Prinzipien der Subsidiarität und Solidarität gekleidet. Es sind zeitlose Prinzipien. Und daher lehrreich für alle, die um Freiheit und Gerechtigkeit ringen: also nicht nur für die Katholiken. Dabei sollte auch nicht vergessen werden, dass es einer ständigen Anstrengung bedarf, „der Freiheit Gerechtigkeit abzuringen“, wie der französische Dominikaner Jean B. Lacordaire (1802-1861) in der Mitte des 19. Jahrhunderts vermerkte. Er blickte von Frankreich über den Kanal nach England, wo sich die Unternehmer demokratische Freiheiten erworben hatten, was aber dem Industrieproletariat nichts gebracht hatte. Sein Motto trifft auch heute in höchster Aktualität zu: Nach Jahrzehnten der Deregulierung von Freiheiten steht daher eine Politik zu Gunsten von mehr Gerechtigkeit aller in der einen Welt auf dem Programm.

Jubiläen in Organisationen: mangelnder Visionsvorrat

Der amerikanische Forscher Martin F. Saarinen hat vor Jahren methodistische Kirchengemeinden untersucht. Er wollte erheben, wie lebendig diese Gemeinschaften sind. Dabei erkannte er, dass Organisationen einen Life-Cycle haben. Er setzt ein mit der Geburt, läuft über die Kindheit und mündet in eine erwachsene Gestalt. Dann beginnt das Altwerden, die Reife, die Aristokratie und kurz vor dem Tod kommt die Bürokratie. Es ist berührend, was seiner Erkenntnis nach erkennen lässt, wann das Altwerden einer Organisation beginnt. Es setzt ein mit dem Verlust an Visionen. Und just in dieser Zeit feiern, so Saarinen, Organisationen Jubiläen. Man schaut mit Wehmut zurück, um sich an die blühenden Zeiten von einst zu erinnern: damals 1981, damals 1951, da hatte wir noch Visionen und Träume! Freilich, darum wissend können Jubiläen auch eine Gelegenheit sein, die alternden Visionen zu erneuern und ihnen neue Kraft zu verleihen. Also die Vision davon, dass es eine gerechtere Welt geben kann, und das heute nicht mehr nur national, sondern global. Die Vision, dass wir so nachhaltig wirtschaften, dass die Welt auch für die kommende Generation bewohnbar bleibt. Die Vision, dass wir mit den knapp werdenden Gütern unserer endlichen Welt so umgehen, dass nicht die kommenden Generationen unsere Schulden abtragen müssen. Und dass wir in gemeinsamer Anstrengung über die partei- und ideenpolitischen Lagergrenzen hinweg es schaffen, eine Balance zwischen Freiheit und Gerechtigkeit zu schaffen.

Tiefe Einheit aller

Die Katholische Soziallehre kann eine bleibende Motivation für die ständige Erneuerung einer solchen Vision sein. Die vielleicht wichtigste Vision innerhalb des Kosmos der Katholischen Soziallehren zieht sich wie ein roter Faden durch alle bisherigen und mit Sicherheit auch die kommenden sozialen Botschaften der christlichen Kirchen, auf weltkirchlicher wie ortskirchlicher Ebene, in Enzykliken wie in Sozialworten der christlichen Kirchen. Es ist die Vision, ja ein tiefes Wissen um die Einheit der ganzen Welt und darin der Menschheit. Und diese Einheit ist der Grund dafür, dass jede und jeder einer von uns ist. Das Leiden der anderen ist dann auch unser Leid. Diese tiefe Einheit kann jeder erfühlen, ganz gleich, wie er die Welt anschaut und deutet, ob säkular, agnostisch, skeptisch, buddhistisch, muslimisch oder christlich. Es ist eine Einheit, in der jeder Mensch eine unantastbare Würde hat. Zugleich begründet diese Einheit eine tiefe Solidarität aller, die auch in belastbaren Situation trägt. Subsidiarität und Solidarität sind lediglich zwei Konkretionen dieser tiefen Verwobenheit aller in der einen Welt und der einen Menschheit. Für gläubige Christen kommt diese Einheit aus dem gemeinsamen Ursprung aller Wirklichkeit: Also aus jenem unnahbaren Geheimnis, das wir Gott nennen. Die gläubige Formel lautet: „Weil nur ein Gott ist, also ist jede und jeder einer von uns.“ Daher sind die Leiden und Freuden der Anderen auch unsere eigenen. Noch mehr, wir haben eine Ahnung davon, dass das Wesen des unbegreiflichen göttlichen Grunds solidarische Liebe ist. Diese solidarische Liebe konkretisiert sich wiederum in Gottes Leidenschaft für Recht und Gerechtigkeit, so die jüdische Tradition über Jahwe. Wer aber gläubig in diesen göttlichen Grund eintaucht, kann nicht anders, denn als ein leidenschaftlich solidarischer Mensch gerade bei den Armen dieser einen Welt aufzutauchen und sich stark zu machen für mehr Gerechtigkeit für alle. Wo immer solches geschieht, hat Rerum novarum eines ihrer zentralen Ziele erreicht.
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Für Hans.

Am 8. September  2011 verstarb 77jährig mein Bruder Hans (Johannes Zulehner). Er verbrachte sein Leben mit einer starken Behinderung. Hier die Predigt bei der Bestattung am 24.9.2011 in St. Thomas.

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Tainach, 13.10.2018: Jesus der Tanzmeister | MP4 (Vortrag) | Der Spielmann Jesus (PDF)|

Tainach, 12.20.2018: Christus-Orpheus und seine Lyra. Eine bewegende Kirchenvision | MP4 (Anfang nachträglich ergänzt)

Salzburg-Taxham, 10.10.2018: 50 Jahre Pfarrkirche Taxham - Wie kann die Pfarre zukunftsfähig bleiben? MP4

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Schwanenstadt, 27.90.2018: Eine neue Ära: Wohin Papst Franziskus uns als Kirche führt | MP4

Bensberg, 21.9.2018: Bleiben. Oder gehen? | MP4

Hannover, 19.9.2018: Spirituelle Suchbewegungen in säkularen Kulturen | Teil 1 (atheisierend) | Teil 2 (pragmatisch) | Teil 3 (christgläubig) | PDF | Arbeitsblätter

Wernberg, 15.9.2018: Vertraute Wege neu entdecken. 50 Jahre Cursillo in Kärnten.

Teil 1: Zur Situation | Teil 2: Orientierung am Evangelium | PDF beider Teile

St. Andrä am Zicksee, 7.9.2018: Das Kloster Maria Schutz ist ein Segen für die Region | MP4

Gampern, 6.8.2019: Unterwegs in eine neue Ära der Kirch | MP4

Dechantskirchen, 29.6.2018: Landpfarre ohne Pfarrer | MP4

Lambach, 23.6.2018: 70 Jahre KMB Oberösterreich - Zukunft der Kirche, Zukunft der Männer

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Vaduz, 17.6.2018: Unterwegs in eine neue Ära der Kirche | MP4

Laab, 24.5.2018: Als Christ menschlich handeln MP4 | PDF

Heiligkreuztal, 5.5.2018: Habt Vertrauen! Christsein in bewegten Zeiten! MP4 | PDF

Reutlingen, 23.4.2018: Unterwegs in eine neue Ära der Kirche. MP4

Burghausen, 17.3.2018, Diözesanrat Passau: Neue Schläuche für jungen Wein MP4 | PDF

Bozen, 26.2.2018: Grenzenlos solidarisch handeln|  MP4

emerit. Univ Prof. Dr. Dr. Paul M. Zulehner, Kramer-Glöckner-Straße 36, 1130 Wien, Österreich
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