Saturday 19. August 2017

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Für Hans.

 

Am 8. September verstarb 77jährig mein Bruder Hans (Johannes Zulehner). Er verbrachte sein Leben mit einer starken Behinderung. Hier die Predigt bei der Bestattung am 24.9.2011 in St. Thomas.

 

Liebe trauernde Gemeinde!

 

Er hat ein verborgenes Leben gelebt. Sein Lebensraum war eng, sein Zugang zur weiten Welt eher verschlossen. Wenig von dem, was ihn bewegte, konnte er in Worte kleiden. Das war die Welt, in der Hans lebte.

Und doch gab es Schätze in seinem Leben, in dem er aus unserer Sicht arg behindert war. Ich möchte es an zwei Symbolen zeigen, die aus der kleinen, aber vielleicht reicheren Welt stammen, als wir ahnen.

 

DER TEPPICH

Hans konnte mit einer Eselsgeduld geknüpft: Hosenträger in Fein-Goblin, Kelim- Teppiche. Die Mutter und später Maria-Luise besorgten die Vorlagen und die verschiedenen farbigen Wollen. Hans schnitt die Fäden in der erforderlichen Länge. Dann zog er Faden um Faden in die Vorlage ein. Kaum ein Tag, da er nicht konzentriert über den unaufhaltsam wachsenden Teppich gebeugt arbeitete. Er ließ sich dabei auch nicht gern stören.

 

Manchmal hat sich unbemerkt ein Knüpffehler eingeschlichen, den Hans nicht gleich bemerkte. Viele Reihen weiter hat er ihn dann entdeckt. Dann war er nicht mehr auszuhalten. Er trennte dann alles, was nach dem Fehler kam, entschlossen auf, mag der Fehler auch noch so klein gewesen sein.

 

ORDNUNG

Ein Sinnbild für eine starke und zugleich auch nicht einfache Fähigkeit von Hans. Es  musste alles seine genaue Ordnung haben. Der Tagesablauf war strengstens geregelt, vom Aufstehen, dem Waschen und Anziehen, der Zahl der Brote beim Frühstück, die Suppe, das Getränk und die Nachspeise bei jeder Mahlzeit, das Schlafengehen. Die Ordnung hat seinem Leben einen starken Rahmen gegeben. Sie  hat ihn gehalten. Bis ans Ende seines Lebens.

Wie wichtig ihm die Ordnung war, hat sich gezeigt, als er vor seinem Umzug nach Gaspoltshofen das Gespür für Tag und Nacht vorüber gehend verloren  hat. Da geriet sein eigenes Leben, und mit ihm das der Menschen in seiner Umgebung aus den Fugen.

 

GEWEBE

Seine Begabung, Teppiche zu knüpfen, zeigt aber auch eine bewundernswerte Eigenschaft von Hans. Obwohl er stark behindert war, führte er sein eigenes Leben. Er war im strengen Sinn dieses Wortes sehr eigensinnig. Oft tat er nicht, war andere von ihm erwarteten und was aus deren Sicht gewiss sinnvoll war. Aber sein Eigensinn stellte auch sicher, dass es sein Leben war. Und wie er Teppiche zu schönen Kunstwerken erschuf, hat er so aus seinem Lebensmöglichkeiten SEIN Leben gewoben. Und auch das ist jetzt, wo sein Lebensteppich fertig gewoben ist, in einem ganz eigenen Sinn ein Kunstwerk geworden, mit 77 Jahren, an einigen Orten, und mit einem großen Charme, den er zweifelsfrei besaß. Er konnte mit seiner anhänglichen Art das Herz vieler Menschen gewinnen. Die Sprache der Zuneigung war für ihn bildhaft und einfach. Er strahlte, wenn man ihn fragte: "Bist du mein lieber Spatz?"

 

ROT

Ein zweites Symbol, das viel vom Reichtum des von außen her eher ärmlichen Lebens von Hans zeugt, ist seine kompromisslose Liebe zur Farbe Rot. Was immer er sich wünschte, sollte rot sein: das Armband der Uhr, die Trainingshose, die Möbel in seinem Zimmer, die Bettwäsche.

Rot ist für das russische Volk die Farbe des Schönen: krasnij - der "rote Platz". Hans liebte diese Farbe. Sie machte sein graues Leben schön.

Rot ist die Farbe des Feuers, des göttlichen Geistes, der Liebe. Letztlich trägt jeder von uns diese Sehnsucht nach der schönen Liebe in sich - und wir Theologen fragen behutsam, ob diese unstillbare Sehnsucht nicht Gottes charmante Art ist, sich bei uns Gottvergessenen in Erinnerung zu halten?

Ob jetzt Hans in einer Welt ist, voll von Rot, von Schönem, von Liebe? Ich stelle mir seinen Himmel jedenfalls so vor.

 

ENTFESSELT

Das bringt mich zu einem dritten Gedanken, der mich als Theologen oft beschäftigt hat, und der mir an Hans so anschaulich geworden ist.

Gott erschafft jeden Menschen, so sagen wir vor allem Hinschauen auf die Realität.  Das macht  Gott aus der Tiefe seines Wesens, so fügen wir hinzu und nennen es Liebe. Dann aber sehe ich Hans und seine Behinderungen. Und höre mit betroffenem Herzen die vielen anderen ratlos fragen, denen ein Kind mit Behinderungen geboren wird. Warum nur? Ich war vor wenigen Tagen im Holocaustmuseum in Washington. Dort sah ich Bilder von Hartheim und Kindern mit geistigen Behinderungen, ein achtjähriges Mädchen, ein zehnjähriger Bub, nackt, mit dem Kommentar: kurz vor ihrer Tötung. Lebensunwertes Leben nannte man es. Hans war damals ein potentieller Kandidat für Hartheim. Hat also solches Leben keinen Wert? Birgt es keinen Sinn in sich?

Ich hab für mich eine Idee entworfen. So wie ich Hans kennen- und lieben gelernt habe, dachte ich immer: In ihm steckt weit mehr als sich entfalten konnte. Aber sein Potential, seine reichen Begabungen: sie sind gleichsam gefesselt, durch organische Schäden, die er schon ins Leben mitbrachte oder erst später durch eine medizinisch folgenschwere Behandlung erlitt.

Dann aber stelle ich mir vor, dass im Tod, wo er all diese tragischen Behinderungen abwerfen konnte, all seine Fähigkeiten entfesselt worden sind. Hans ist, was Gott in seiner Liebe aus ihm seit eh und je machen wollte - ein Kunstwerk seiner Schöpfung, der schönste aller Teppiche, von Hans angefangen und von Gott zu Ende gewoben, den es im Himmel gibt - und das alles mit einem betörenden Rot des Schönen und der Liebe.

Wie sehr ich Hans diese Entfesselung wünsche und vergönne. Und ich gestehe, schon jetzt bin ich neugierig, wie er - entfesselt von all seinen Behinderungen - aussieht und liebenswürdigen Charme verbreitet.

 

AMEN.


FÜRBITTEN

 

Du unser guter Gott! Der Du voll von Liebe und Erbarmen bist. Wir rufen zu Dir:

* Du hast Hans aus Liebe erschaffen. Sein ganzes Leben bist Du mit ihm gegangen. Nimm ihn jetzt für immer in Deine Arme!

WIR BITTEN DICH ERHÖRE UNS!

* Nur manches von dem, was Du in ihn hineingelegt hast, konnte sich in seinem irdischen Leben entfalten. Lass ihn jetzt, von seinen Behinderungen befreit, zur vollen Schönheit erblühen!

* Hans war mit seinen Begrenzungen auf viele gute Menschen angewiesen.  Manche wie sein Vater und seine Mutter, aber auch zwei seiner Brüder Jörg und Josef sind vor ihm gestorben. Vergilt ihnen, was sie Hans Gutes getan haben!

* Hans hat viel von seiner Familie und vielen anderen guten Menschen erhalten. Er hat aber auch viel geschenkt: Herzlichkeit, Geduld, Anhänglichkeit. Vor allem aber war er ein Lehrmeister für Solidarität. Ohne Menschen mit Behinderung wäre unsere Gesellschaft kühler und ärmer. Vergilt Du ihm und allen Menschen mit Behinderung, was sie unbemerkt für uns tun!

* Für alle Menschen, die mit einer Behinderung leben: Lass sie Menschen finden, die mit ihnen gehen und die guten wie auch die schweren Zeiten mit ihnen tragen.

* Für alle, die sich in Familien und Pflegeheimen um Menschen mit Behinderung kümmern: schenke ihnen Kraft und ein mitfühlendes Herz!

Du Guter Gott, Du bist mit uns und weißt, was uns gut tut. Dafür danken wir Dir. Amen.

 

» Zeitworte

Für Hans.

Am 8. September  2011 verstarb 77jährig mein Bruder Hans (Johannes Zulehner). Er verbrachte sein Leben mit einer starken Behinderung. Hier die Predigt bei der Bestattung am 24.9.2011 in St. Thomas.

» Vorträge

Greisinghof, 29.6.2017: Willkommenskultur (PDF wie gewünscht)

St. Georgen, 28.6.2017: Papst Franziskus verändert die Pastoralkultur

Teil 1 (Eine erbarmungslose Welt)

Teil 2 (Gott des Erbarmens)

Teil 3 (Pastoral des Erbarmens)

Oberchützen, 15.6.2017: Eine biblische Kirchenvision. In der Nachfolge des Heiland sind wir Heil-Land. MP4 | PDF

Salzburg, 25.5.2017: Entängstigt euch [EFL-Berater] MP4 - PDF

Ljubljana, 18.5.2016: 50 Jahre Družina

Vortrag 1: Migration und Kirche (Migracija in Cerkev) MP4

Vortrag 2: Zur Zukunft der Kirchen in Ost(Mittel)Europa (O prihodnosti krščanstva v Vzhodni (Srednji) Evropi) MP4

Bamberg, 28.4.2017: Erwachsenenbildung in der Angstgesellschaft MP4 | PDF

TRISTACH - Caritas Innsbruck, 21.4.2017: Entängstigt euch | Afrikanische Willkommensmusik | Ton | PDF der Präsentation

St. Florian, 4.4.2017: Bischof Bünker - Zulehner: 500 Jahre Reformation - Jubiläum oder Gedenken  | Zulehner M4a sowie Thesen dazu | Bünker_M4a (die Referate wurden in dieser Reihenfolge gehalten)

Mannheim, 27.3.2017: Pfarrer-Initiative Deutschlands - Nonne et laici sacerdotes sumus?
(Tertullian, 209) | MP4a | PDF | Das Projekt Lobinger

Auf YouTube: https://youtu.be/k99gH0WHDh4

Wien, AKV, 21.3.2017: Zur Situation der Kirche | PDF (Thesenblatt | MP3 (Vortrag)

Gmunden, 17.3.2017: Der tiefe Fall. 500 Jahre Reformation MP4 | PDF

Ravensburg, 5.3.2017: Kirche ist Gemeinschaft (Fastenpredigt) - (Ton) M4a | (Text) PDF

Fehring, 2.3.2017: Bäuerinnentag - Frauensolidarität MP4

Niederaltaich, 18.2.2017: Diözesanversammlung KLVB - MP4

Niederalteich, 17.2.2017: Zwischen Ärger und Zuversicht MP4

Steinakirchen am Forst, 16.2.2017: Zwischen Ärger und Zuversicht MP4

Rosenheim, 15.2.2017: Entängstigt euch! MP4

Stuttgart Hohenheim, 9.2.2017: Seniorenpastoral - leider nur etwas mehr als die erste halbe Stunde MP4 den Rest können Sie nachlesen in den Charts der Präsentation als PDF

Heidenreichstein 1.2.2017: Asyl. Schaffen wird das? MP4

Tainach, 21.1.2017: Vom Gesetz zum Gesicht. MP4

emerit. Univ Prof. Dr. Dr. Paul M. Zulehner, Kramer-Glöckner-Straße 36, 1130 Wien, Österreich
http://zulehner.org/