Sunday 21. July 2019

Pastorales Forum
wissenschaftliche Erforschung der religiös-kirchlichen Lage in den ehedem kommunistischen Staaten Ost- und Mitteleuropas.
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Den Menschen heute in Wien das Evangelium verkünden

Vortrag beim Großstadtsymposium in Wien-Lainz am 20.10.2001
Je moderner Gesellschaften sein werden, umso mehr werde Gott aus ihrem Leben verschwinden, so das Herzstück der Säkularisierungsvermutung. Gerade städtische Gesellschaften sind aber die Vorhut der Moderne. Also wurde in den Siebzigerjahren die "Stadt ohne Gott" prognostiziert... Orpheus, der liebende Spielmann, verliert durch tückisches Geschick Eurydike, die er liebt. Seine Liebe, die stärker ist als der Tod, lässt ihn nicht ruhen. Er steigt hinab in den Hades, überschreitet den Todesfluss Styx, Charon setzt ihn über, an den durch den Gesang betörten Höllenhund Zerberus vorbei, und findet das Schattenwesen Eurydike. Hades und Persephone lassen ihn Eurydike mitnehmen. Allerdings machen sie eine Auflage: Auf dem langen Weg zurück in das Land des Lebens dürfe er sich nicht umsehen. Aber je länger der Weg dauert, umso stärker werden seine Zweifel, ob ihm das lautlose Schattenwesen Eurydike wirklich folgt. Er sieht sich um und verliert so Eurydike für immer. Anders der wahre Orpheus, Christus, so der Kirchenvater Clemens um 350 im oberägyptischen Alexandrien. Auch er liebt Eurydike, die Menschheit. Auch diese gerät in den Herrschaftsbereich des Todes. Und so steigt auch der Christus-Orpheus, getrieben von seiner Liebe zu Eurydike "hinab in das Reich des Todes" (so bekennen wir bis heute im Credo). Und ohne umzuschauen, geht er seinen Weg der Erlösung und führt Eurydike, seine geliebte Menschheit, zurück in den Bereich des Lebens. Und all dies vermag der Christus-Orpheus mit dem Spiel auf seiner Lyra. Sie ist das Instrument der Befreiung Eurydikes aus den vielfältigen Toden. Eben das, so Clemens in einer faszinierenden Vision, ist die Kirche: Das Instrument in der Hand des Christus-Orpheus, auf der für Eurydike, so Clemens wörtlich, "das Lied des Lachens, der Hoffnung und der Auferstehung erklingt". Wie nahe an dieser am Mythos angelehnten Kirchenvision ist doch die Kirchenvision des Zweiten Vatikanischen Konzils: "Die Kirche ist in Jesus Christus gleichsam das Sakrament, als das Zeichen und Werkzeug ("Instrument") der innigsten Vereinigung der Menschen mit Gott und der Menschen untereinander". Welches Lied lässt nun - so die einfache pastoraltheologische Frage - Christus zu Gunsten der Menschen heute auf der Lyra seiner Kirche erklingen? Und dies zumal in der dynamischen Großstadt Wien? Diese Frage kann präzisiert werden: Welches sind heute die kleinen und großen Tode, die die Eurydike-Menschheit heute in der Stadt Wien erleidet und in denen kleine und große Sehnsüchte nach dem Leben sichtbar werden? Welches sind also, so haben Lateinamerikas Bischöfe in ihrem Dokument über "Jugend, Kirche und Veränderung" gefragt, die Lebens- und Todeszeichen heutiger Großstadtkultur? Und welches Lied des Lachens und der Hoffnung lässt die Kirche Christi für die Menschen in dieser großstädtischen Kultur erklingen? Damit sind die zwei großen Abschnitte meiner Überlegungen abgesteckt. * In einem ersten Schritt gehe ich der Frage nach, wie es um der Eurydike, die Menschen, heute bestellt ist; eine Kulturdiagnose ist für den städtischen Lebensraum anzustellen. * Im zweiten Schritt wird vom "Lied des Lachens, der Hoffnung und der Auferstehung" zu Gunsten der Menschen die Rede sein: also von den Herausforderungen, vor die die Menschen die Kirche heute stellen. Was dabei geschieht, nennt Johannes Paul II. Evangelisierung mit neuer Qualität (1985). Eurydike heute - in der Stadt Wien Holzschnittartig spitze ich die grundlegende Kulturdiagnose auf zwei Themen zu: Solidarität und Spiritualität. Beide Themen werden die Menschen in unserer Stadt in den nächsten Jahren bewegen und umtreiben. Während ich bei der Kulturdiagnose mit der Solidarität und damit bei den bedrängten Menschen einsetze, werde ich nachher beim Lied auf der Kirchenlyra mit der Spiritualität beginnen. Beide sind nämlich ebenso eng und untrennbar ineinander verflochten wie die Gottes- und Nächstenliebe. Solidarität "Selbst in reichen Gesellschaften kann morgen jeder von uns überflüssig werden. Wohin mit ihm?" Enzensberger vermutet in dieser Aussage nicht unbegründet, dass es jeden von uns treffen kann, irgendwann in seinem Leben zu den "Schlechten", den "Überflüssigen" zu gehören, damit aber in eine Selektionsdynamik zu geraten. Solche Selektion durch Überflüssigwerden kann in dreifacher Weise geschehen: * als soziale Selektion: wer nicht arbeitet (Erwerbsarbeit) und sich so selbst erhalten kann, wer nicht mitkaufen und wer nicht miterleben kann; wer nicht genug weiß; * als genetische Selektion: wer schlechte Gene hat - und damit jetzt oder später einmal der finanziell überlasteten Gesellschaft zu teuer kommt; * als anthropologische Selektion: diese steht letztlich dahinter und spitzt sich zu in der Frage: Wer hat (finanzierungswürdiges) lebenswertes Leben? Wessen Würde ist unantastbar? Nicht nur ganze Regionen der Erde (wie Afrika, die rohstoffarmen Länder) sind dabei, überflüssig zu werden. Auch in reichen Ländern werden große Gruppen in der Bevölkerung sichtbar, die im Sog des Überflüssigwerdens stehen: * Da sind die Sterbenden. Die letzten sechs Lebenswochen gehören zu den kostspieligsten und überlasten das Gesundheitssystem. Auch dauernde Pflegebedürftigkeit samt der dazu gehörigen medizinischen Versorgung kommt teuer. Es wäre nützlich, solches Leben mit "minderem Lebenswert" zu verkürzen. "Sozialverträgliches Frühableben" ist eine Möglichkeit, die erwogen wird. Das geschieht dadurch, dass Euthanasie gesellschaftlich immer mehr akzeptabel gemacht wird. Die Betroffenen geraten dadurch unter einen subtilen Druck: Ihnen wird zugemutet, ihr Leben "in Freiheit" selbst zu beenden. Was im Grunde geschieht, ist dass wir Überflüssigen (und Teuren) unsere Sorge entziehen, kurzum, wir ent-sorgen sie. * Ein verwandter Vorgang spielt sich hinsichtlich der Behinderten ab. Auf der einen Seite setzen wir ein gewaltiges gentechnisches Potential ein, um Behinderungen vorzubeugen oder zu heilen. Zugleich aber wird es immer mehr kriminalisiert, behindertes Leben zur Welt zu bringen. Der Australier Peter Singer fordert ein straffreies Töten bis zum Ende des ersten Lebensmonats. Die meisten Gesellschaften stellen die Tötung Behinderter bis zur Geburt straffrei. Eine untergründig neodarwinistische Strömung ist zu beobachten: Lebensrecht hat das Gesunde und Starke. * Ent-sorgt werden auch jene zwanzig Millionen in Europa, für die es keine Erwerbsarbeit gibt. Das trifft Frauen und noch mehr Männer, insofern die Erwerbsarbeit immer mehr zur Identitätsstiftung beiträgt. Die Ruhigstellung dieser aus der Erwerbsarbeit Ent-Sorgten durch einen "Armutslohn" wird auf die Dauer den sozialen Frieden nicht sichern können. * Kinder stören in unseren Gesellschaften immer mehr, im öffentlichen Leben, in den Städten (diese sind auto-, nicht kinderfreundlich), in den Männer- und Frauenbiographien. Wenn schon das eine oder andere geboren wird, kann es nur allzu leicht vorkommen, dass ihnen die Grundnahrungsmittel von Zuwendung und Liebe vorenthalten werden. Vielmehr erhalten sie Ersatzliebe: durch Schokolade, Computerspiele, Fernsehen, oder sie werden in außerfamiliale Einrichtung (die durchaus sehr wichtig bleiben) ent-sorgt. Nun lassen sich in allen Bereichen Gegenbewegungen beobachten. Da geht es nicht um Selektion und Entsorgung, sondern um Solidarität: es gibt neben den herausragenden Müttern neue Väter, Initiativen suchen Arbeit zu schaffen oder zu teilen, Behinderte werden nicht nur in das alltägliche Lebens- und Arbeitsgeschehen integriert, sondern sie werden zu Lehrmeistern der vermeintlich gesunden - vor allem lehren sie Solidarität, die Hospizbewegung entwickelt einen neuen Umgang mit dem Leben der Sterbenden. Kurzum, wir stehen gesellschaftlich vor einer Wegzweigung. Die Alternative heißt hier Selektion und Entsorgung, dort Menschenwürde und Solidarität. Die Menschen in modernen Kulturen sind übrigens nicht, wie vielfach behauptet, unsolidarisch und egomanisch. Sie tragen in sich den Wunsch nach dem Teilen (Zulehner u.a., 1997, 1999). Zumindest für die Erziehung der Kinder wird dieser Wunsch hochgeschätzt. Allerdings: Auf dem langen Weg zur solidarischen Tat erstickt dieser Wunsch in einem Dschungel diffuser Ängste. Da ist die Angst vor dem zu schwachen Selbst, die Selbst-losigkeit mindert. Dazu kommt die Angst vor dem eigenen Minderwert, der dem Fremden und den Fremden gegenüber verschließt. Vor allem die Angst, in einem knappen Leben mit seinen maßlosen Wünschen nach dem optimalen Glück zu kurz zu kommen, entsolidarisiert. Das macht Solidarität zu einer spirituellen Frage. Spiritualität Je moderner Gesellschaften sein werden, umso mehr werde Gott aus ihrem Leben verschwinden, so das Herzstück der Säkularisierungsvermutung. Gerade städtische Gesellschaften sind aber die Vorhut der Moderne. Also wurde in den Siebzigerjahren die "Stadt ohne Gott" prognostiziert. Zumindest den Kirchen wurde ein Bedeutungsschwund prognostiziert. Tatsächlich hat sich vieles in der Stadt Wien in den letzten dreißig Jahren verändert. Es sind nicht die Statistiken die uns lähmen, sondern die realen Erfahrungen hinter den Statistiken. Wer die Zeit der letzten dreißig Jahre überschaut, weiß dass seit 1979 die Kircheaustritte in der Stadt rasch angestiegen und seitdem nie mehr unter 10000 jährlich gefallen sind. Und das unabhängig von allen kirchenpolitischen Unfällen. Auch der Kirchgang hat sich in dieser Zeit halbiert. Die Alten räumen die Kirchenbänke, die Jungen rücken nicht nach. Natürlich überaltert auch die städtische Gesellschaft. Aber die Gottesdienstversammlungen der meisten Pfarrgemeinden sind über dem Schnitt überaltert. Ist also die Stadt ohne Gott im Kommen, ja mehrheitlich schon eingetroffen? Hier gilt es zu differenzieren. Überraschungen geschehen, wenn man genauer hinschaut, vor allem auf die Menschen, die in den Gemeinden nicht mehr sichtbar werden. In der Studie "Wiederkehr der Religion", die am 5./6. 12. 2001 bei einem großen Pastoralsymposium veröffentlicht werden wird, haben sich folgende Ergebnisse gezeigt: * Da sind zunächst die atheisierenden Menschen. Sie haben keinen Zugang zu Gott. Für diese Menschen ist mit dem Tod alles aus. Sie bilden eine Gruppe von 12% in Österreich, in Wien sind es mit 13% etwas mehr, also eher eine Minderheit. Die Stadt ohne Gott ist somit nicht eingetroffen. * Dann aber gibt es ein Drittel (30% in Österreich, 34% in Wien) naturalistische Humanisten. Sie denken kosmisch, ökologisch, pantheistisch. Der ewige Kreislauf der Natur ist die höhere Macht. Wenn es Gott gibt, dann im Herzen des Menschen - das Wertvolle im Menschen ist Gott. * Ebenso viele sind Religionskomponisten (mit 34% ist es in Wien die größte Gruppe, 27% sind es in Österreich). Sie fügen in Eigenregie aus verschiedensten Quellen ihre Glaubensgebäude zusammen. Die Auferstehung Jesu und die Reinkarnation passen durchaus zusammen. Dieses Glaubens-Eigenheim wird freilich ständig umgebaut. Angehörige dieses Typs leben daher auf einer religiösen Dauerbaustelle. Sie sind typisch für die Moderne - sie sagen nicht mehr wie Luther "Hier steh ich und kann nicht anders", sondern fühlen "hier steh ich, aber ich kann jederzeit anders". Bischof Wanke nannte sie gestern die Menschen mit der fließenden Identität. * Neben den eher Diffusen gibt es auch die Profilierten. Sie fühlen sich im herkömmlichen Glaubenspalais einer Kirche durchaus wohl und beteiligen sich auch in unterschiedlichster Weise am Leben ihrer Kirche. In Österreich gibt es davon 27%, in Wien mit 20% deutlich weniger. Schlüsselt man diese vier Haupttypen in Wien zudem nach Alter auf, dann wird das Bild noch bemerkenswerter. Unter den 20-29jährigen sind 2% konsistente Christen. Diese Vielfalt ist ein Querschnittergebnis. Es gibt aber auch gleichzeitig eine neuartige Entwicklung in einigen europäischen Großstädten, einschließlich Wien. Diesen hatte Matthias Horx, prominenter deutscher Trendforscher, bereits 1995 angekündigt. In unserer Langzeitstudie "Religion im Leben der ÖsterreicherInnen 1970-2000" zeigen sich auch schon merkliche Spuren solcher Respiritualisierung, und zwar in Brüssel und Lissabon ebenso wie in Wien. 2000 halten sich in Wien mehr Menschen als 1990 für religiös, glauben nicht nur an ein höheres Wesen, sondern an einen persönlichen Gott, der in ihrem Leben wichtig ist. Menschen, WienerInnen beten und meditieren. Auch der stabile Kern christlicher Gemeinden ist in dieser Zeit nicht geschrumpft. Es gibt viele Gründe für solche Respiritualisierung. Zunächst fällt auf, dass diese nicht auf dem Land, sondern in der Stadt stattfindet. Während in Landgebieten Österreichs die genannten religiös-kirchlichen Indikatoren rückläufig sind, nehmen sie in der Großstadt Wien zu. Das relativiert auch die alte Säkularisierungsthese. Nicht mehr jede Moderne gilt als religionswidrig. Noch schärfer formuliert: Je mehr (wie in städtischen Kulturen) die Moderne auf die Spitze getrieben wird, desto mehr produziert sie Spiritualität. Knapp formuliert: Gerade die hochsäkulare Stadtkultur bringt aus sich eine religiöse Suche mit neuer Qualität hervor. Es ereignet sich allerdings unter den Bedingungen der Moderne. Es ist vor allem ein Suchen. Und dieses liegt in der Regie der einzelnen, pocht also auf freie Selbstbestimmung, ist wählerisch. Günther Nenning formulierte kürzlich in seinem Buch "Gott ist verrückt": Die Sehnsucht boomt, aber die Kirchen schrumpfen. Ich füge optimistisch bei: Die Kirchen schrumpfen noch. Wird es uns gelingen, eine erste Adresse für die Suchenden zu werden? Oder bleiben wir bei dem, was 1909 mein Lehrstuhlvorgänger Heinrich Svoboda in seinem berühmt gewordenen Buch "Großstadtseelsorge" beklagte, dass nur jene bekehrt werden, die schon bekehrt sind? Man muss freilich nachfragen, warum die Sehnsucht boomt? Nicht wenige meinen, dass es ein Aufstand vieler gegen die wachsende Banalisierung des Lebens ist, gegen den Versuch, optimal leidfreies Glück in der knappen Zeit von hundert Jahren zu erzwingen, als himmlisches Glück unter dem verschlossenen Himmel. Manche protestieren auch gegen den zunehmenden Zugriff des Menschen gegen den Menschen, in der high-tech-Medizin, in der Wirtschaft, in der Verwaltung. Ein Teil der von modernem Leben teilweise enttäuschten flüchtet aus der Unerträglichkeit des banalen Alltags in das abgedämpfte Bewusstsein der Drogen, des Alkohols, in psychosomatische Krankheiten, in Sekten. Aber andere brechen aus, suchen wieder die kosmische Weite, suchen den offenen Himmel, weil ihnen die Welt zu eng und damit zu angstbesetzt ist. Das Lied Was haben wir da zu tun, uns, denen das Evangelium für jene Menschen anvertraut ist, die wir uns nicht ausgesucht haben, weil wir uns um das Wohl der Stadt zu kümmern haben, in die Gott uns weggeführt hat? Den Himmel offen halten Als erstes gilt es, solidarisch zu sein mit jenen vielen, die sich auf eine religiöse Suche mit neuer Qualität begeben haben. Es braucht eine kommunikative Offensive, so Allensbach, oder eben eine Mission mit neuer Qualität. Deren Herzstück ist die Stärkung jenes Bereichs, den Bischof Wanke den Kernbereich genannt hat. In meinem Sprachbild: Es gilt, den Menschen den Himmel offen zu halten. Und das geschieht dadurch, dass der Himmel wenigstens spurenhaft "zwischen" uns ist, wie es der verstorbene Bischof Klaus Hemmerle formuliert hatte. So geht es nicht nur darum, dass wir einst in den Himmel kommen, sondern dass schon jetzt der Himmel zu uns kommt: Ein Leben auf Erden unter einem offenen Himmel. Deshalb sagt Jesus (Mk 10,28-30) den Jüngern, die ihn fragen, was die Gratifikation der Nachfolge ist: einst werden sie ewiges Leben erhalten, jetzt aber schon einen vaterlosen Lebensort mit Glaubensmüttern und Glaubenskindern, die - so der dringliche Wunsch von Paulus - tunlichst erwachsene Glaubensschwestern und Glaubensbrüder werden sollten. Vaterlos ist diese Gemeinschaft, weil die Vaterstelle durch Gott selbst eingenommen ist, weshalb sich unter uns niemand Vater nennen solle (Mt 23,8). Den Himmel offen halten: Dazu braucht es spirituelle Orte, spirituelle Vorgänge, spirituelle Personen: * spirituelle Orte: offene Pfarrkirchen, Wallfahrtskirchen, darin aber Gemeinschaften, die offen und umgrenzt in einem sind. * spirituelle Vorgänge: Schulen des Betens, der Meditation und Kontemplation. Nötig ist es, die "kleine heilige Schrift" des eigenen Lebens lesen zu lernen und diese mit der Großen Heiligen Schrift nach Möglichkeit in gemeinsamer Lektüre zu verweben. Unverzichtbar ist aber eine starke Investition in die Gottesdienstkultur dieser Stadt. Das Institut für Pastoraltheologie hat mit der Liturgiewissenschaft zusammen auch eine Initiative vor und dazu auch den Vikariatsrat Wien gewonnen. Wir möchten dazu beitragen, dass die Gottesdienste in der Stadt besser werden. Nicht wenige, die in der Kirchenbank eine Gotteserfahrung aus erster Hand suchen, finden sich auf einer Schulbank wieder, in der sie einen Gottesdienst lang in mehreren Predigten individual- oder sozialethisch verbessert werden. Unsere Gottesdienste müssen gottvoll und erlebnisstark werden. Auch Bischof Wanke hat schon angedeutet, dass er die Frage von religiös Suchenden kaum mit dem Hinweis auf die normalen Pfarrgemeinden beantworten kann, wo sie in ihrer Suche fündig werden könnten. * spirituelle Personen: was aber nützen Orte und Vorgänge, wenn es nicht auch die geeigneten Personen gibt, welche solche Vorgänge mit ihrer Person und nicht nur mit ihrem Amt tragen? Sie brauchen bestimmt vielfältige Kompetenzen, pastoraler und daher theologischer Art. Aber so wie die Theologie mit dem Theo-Log beginnt, so ist das erste, was alle in der Pastoral brauchen, dass sie "Geistliche" werden. In einer Studie an den Priestern in mehreren europäischen Ländern haben wir die Entdeckung gemacht, dass keineswegs alle diese Kernqualität mitbringen, "Gottesmann" zu sein. Ohne Gottesfrauen und Gottesmänner aber ist die Kirche in einer dramatisch unfruchtbaren Lage. Es braucht daher eine Personalentwicklung, unter den ehren- wie hauptamtlichen, wo die fachlichen Kompetenzen so gestärkt werden, dass sie in einem auch die spirituellen Kompetenzen stärken. Es geht dann nicht mehr an, dass man beispielsweise Leiten profan lernt und dann noch eine spirituelle Einheit anhängt. Hier ist eine Lanze für die Priester in der Stadt zu brechen. Die schon erwähnte Priesterstudie zeigt ganz deutlich, dass der derzeitige Mangel genau jene Qualität bedroht, ohne die das Priesteramt seine geistliche Fruchtbarkeit verliert. Die Frage nach genug Priestern ist daher nicht nur wegen der Eucharistiefähigkeit der glaubenden Gemeinden erforderlich: und es gibt morgen in der Stadt mehr solche Glaubensnetzwerke als Pfarrgemeinden. Wir brauchen auch mehr Priester, weil sonst das Amt aufhört, "geistlich" zu sein. In der Stadt Wien wird sich freilich in den nächsten Jahren auch noch die Aufgabe stellen, die einzelnen Religionsgemeinschaften zusammenzubringen. Das aus politischen Gründen gewachsene Misstrauen von Moslems gegen Christen ist durch viele Initiativen zu überwinden: durch gemeinsames Beten, gemeinsame Diakonie, durch gemeinsame Bildungsaktivitäten. Warum sollen sich beispielsweise Christengemeinden nicht dafür einsetzen, dass islamische Mitbürgerinnen besser integriert werden, dass es genug Frauenärzte gibt, die auch die Sprache der islamischen Mitbürgerinnen sprechen, dass es Alten- und Pensionistenheime gibt, in denen islamische Personen ein Alter und Sterben in Würde vollbringen können. Menschennah Inmitten unserer Überlegungen zur Kernstärke jeder christlichen Gemeinschaft in Wien sind wir von der Gottesnähe unmittelbar zur Menschennähe gelangt. Das ist - wenn wir auf dem Boden des Evangeliums bleiben - auch unausweichlich. Denn wer in Gott eintaucht, taucht neben den Armen, den Armgemachten auf. Gottesliebe und Nächstenliebe sind voneinander untrennbar. Mag sein, dass es im einzelnen Leben, aber auch zwischen den Gemeinschaften der Kirche unterschiedliche Akzente gibt. Da können kontemplative Orden sich mehr der Gottesnähe rühmen, während die Caritas die Menschennähe intensiv verwirklicht. Damit ist die Caritas nur eine andere Variation in der Symphonie der Gottesliebe: Gott wird getan. Nicht mehr Theologie (Gottesrede), sondern Theopraxie geschieht. Und Jesus sagt: Wenn ihr schon meiner Theologie nicht glaubt, dann wenigstens meiner Theopraxie. Aber sollte es nicht die Regel sein, dass bei allen legitimen Akzenten jede und jeder den Versuch macht, beides zu verbinden: als Person, als Gemeinschaft, Gott und den Menschen nah zu sein? Den Menschen nahe sein heißt aber zunächst, in die Gottesschule zu gehen. Von Jahwe heißt es in dem wohl meistgelesen Text der Bibel: "Gesehen, ja gesehen habe ich, gehört, ja gehört habe ich" (Ex 3,7). Gott ist Aug und Ohr. "Ich kenne ihr Leid" heißt es dann zugespitzt. Wer in Gott eintaucht und mit Gott neben den Armen auftaucht, lernt von Gott zunächst das Hinschauen. Das ist in einer Kultur des ängstlichen Wegschauens vom bedrohlichen Leid anderer ein besonderes Geschenk der Glaubenden an die Stadt. "Ich kenne ihr Leid"; könnte das nicht als gottförmige Überschrift über allen Gemeinschaften und Gemeinden Wiens stehen? Von hier aus ergibt sich im übrigen, dass das Pfarrnetz wohl der größte Luxus der Kirche in unserer Stadt Wien ist. Noch haben wir in Wien ein lückeloses Netz diakonaler Aufmerksamkeit. Und dieses sollten wir uns solange wie möglich erhalten und durch nichts krankreden lassen oder ausbluten. Dieses Netz der Aufmerksamkeit kann durch keinen Orden und keine geistliche Bewegung wettgemacht werden, so unentbehrlich deren Wirken für die Kirche in Wien ist. Pfarrgemeinden sind aber ein solches Netz der Aufmerksamkeit nur, wenn es in allen Pfarrgemeinden ein "Auge des Kirche" gibt - ein Ehrenname für den Diakon der syrischen Kirchenordnung aus dem fünften Jahrhundert, ein Ehrenname für alle Caritasausschüsse unserer Pfarrgemeinden. Ähnlich im Bild des Kardinal Daneels, wenn er verlangte, die Kirchen mehr und mehr mit "Horchposten" für die Not und das Leid in der Stadt auszustatten. Hinschauen heißt sodann nicht, dass wir alles Elend der Menschen in der Stadt beheben können. Keine einzelne Pfarre kann das. Schon deshalb braucht es intensive Zusammenarbeit der Gemeinden mit der professionellen Caritas, aber auch den tätigen Orden, die wiederum professionell mit der Stadt zusammenarbeiten. Sorgt euch um das Wohl der Stadt, so Kardinal Danells mit Jeremia 29,7. · Wäre es nicht ein Teil dieser Sorge, wenn morgen kein alter Mensch - zumeist Frauen in den Wohnschließfächern unserer Gemeindebauten - unbemerkt sterben müsste, krank würde? Und das deshalb, weil unsere Gemeinden die Alten unter Einsatz verfügbarer Technik klug miteinander vernetzen? * Wäre es nicht ein Geschenk an die Stadt, wenn Kinder wieder Räume fänden, in denen sie unbeaufsichtigt von Pädagoginnnen in Kinderhorden leben könnten - in Pfarrräumen, Kirchenräumen? * Wäre es nicht ein Geschenk an die Stadt, wenn jene, die allein erziehen, das Gefühl hätten, sie wären gar nicht allein, weil ihnen eine Pfarrgemeinde oder eine Ordensgemeinschaft - warum nicht auch eine geistliche Bewegung oder Opus Dei - Unterstützung gibt? Wir müssten die alleinerziehenden Männer und Frauen fragen, ob sie jemanden haben, der sie unterstützt. Und das geschieht oftmals in zynischer Weise, als man jene, die durch eine Wiederheirat sich selbst Unterstützung suchen, diskriminiert und nur über den Kommunionempfang streitet, statt vorher zu begreifen, dass es gar nicht um die communio in sacris geht, sondern zunächst um die communio in vita? * Wäre es nicht ein Geschenk für die Stadt, wenn sich schon jetzt unsere Pfarrgemeinden - wie damals im Kosovodisaster - vorbereiten würden, Asylstätten für Asylanten zu werden, Lebensraum und Arbeit mit diesen zu teilen und gemeinsam in der Stadt um eine entsprechende Stadtpolitik zu kämpfen? Hier wird auch deutlich, dass die diakonale Menschennähe sich nicht nur im Versorgen der Opfer erschöpft, sondern versucht, solche Opfer durch rasche Integration ins städtische Leben vorbeugend zu vermeiden. * Wäre es nicht auch ein Segen für die Stadt, dass die Sterbenden nicht die Angst haben müssen, sie fallen den Angehörigen zur Last und geraten in unerträgliche Schmerzen: weil die Kirche sich mit ihren Gemeinschaften kompetent für die Hospizidee stark macht? Spätestens hier wird klar, dass auch in Wien schon vieles geschieht. Dass aber morgen auch nicht mehr alles geschehen kann, was wir machen möchten. Das wir nicht mehr helfen können, gehört morgen zum Kreuz vieler engagierter Gemeinden. Wenigstens sollten wir aber symbolische Modelle schaffen, an denen sichtbar wird, was gesellschaftsmöglich wäre. Und sind dann dankbar, wenn eine Stadtverwaltung unsere guten Ideen übernimmt und breit verwirklicht. Klar wird hier auch, dass wir zwar aus vielen Gründen das stabile Pfarrnetz auch hinkünftig brauchen werden: als offene Orte für Gotteserfahrung aus erster Hand, mit Gottesdiensten, in denen man sich in Gottesgefahr begibt, weil man anderes herauskommt als man hineingegangen ist - als Leib, hingegeben für das Leben der Stadt. Zugleich werden wir aber auch Aktivitäten entwickeln, die stadtkirchlich sind. Am besten wird dies in der Form kluger und zeitlich begrenzter Projekte laufen. Pfarren sind dann wie die Pflicht, Projekte hingegen die pastorale Kür. Neben der kontinuierlichen Alltagspastoral in jeder Pfarrgemeinde brauchen wir morgen also zusätzliche zwischenpfarrliche Projekte, in der Erwachsenenbildung, in der Caritas. So wichtig also das pfarrliche Netzwerk ist, so wichtig werden Projekte, in denen auf städtischer Ebene oder in Stadtteilen Kräfte kurzzeitig gebündelt werden. Wir werden es dann wagen, für solche Projekte auch Personen zu gewinnen, die nicht zahlende Kirchenmitglieder sind, obgleich viele von ihnen schon heute die caritativen Anliegen der Kirche unterstützen. Solche Möglichkeiten gründen auf einer sehr aufschlussreichen Kleinanalyse. Kardinal Schönborn hat es in den letzten Jahren unternommen, mit Ausgetretenen in einen behutsamen Dialog einzutreten. Er hat dabei die Angeschriebenen gebeten, einen kleinen Fragebogen zu beantworten. Nicht wenige sind dieser Bitte auch nachgekommen. Die Auswertung zeigt uns noch einmal die völlig neue Lage, in der wir uns als Kirche gerade an den verletzlichen Rändern in der Stadt Wien befinden. * Der kleinere Teil ist aus der Kirche ausgetreten, weil ihm der Zugang zur Religion, zum Glauben abhanden gekommen ist. Tendenz dieser Gruppe klar fallend (von 35% im Jahr 1997 auf 23% 2000). * Ein zweiter kleinerer Teil von einem stabilen Viertel ist kirchenenttäuscht. * Und dann gibt es jene, die als moderne ZeitgenossInnen eben die Regie über ihre Religiosität selbst übernehmen. Nicht wenige von denen halten sich aber für ChristInnen, glauben an Gott. Sie sind nicht gegen uns: also würde Jesus sagen, für uns, oder wenn er schon organisationsentwicklerisch verdorben gewesen wäre, hätte er gesagt: sie sind ein interessantes pastorales Potential. Warum also gewinnen wir nicht aus dieser Gruppe Menschen, sich (auch ohne zahlende Kirchenmitgliedschaft) wenigstens an begrenzten pfarrlichen Projekten zu beteiligen, mit ihrem sponsering, mit ihrem timespending? In Kerngemeinden, Basisgemeinden, geistliche Bewegungen werden wird diese überzeugten Privatisierer nicht so schnell wieder binden. Dort sind sie ja eben weggegangen. Aber zu Projekten, die offenkundig den Menschen in dieser Stadt nützen: warum nicht? Biblische Stadtbilder In einem Großstadtsymposium, das eine Aufbruchstimmung wider das gängige Jammern begründen will, ist es naheliegend, schöne Stadtbilder aus der Bibel zu verwenden: Sorgt euch um das Wohl der Stadt Babylon, so die Aufforderung des Propheten Jeremia gegen die Jerusalemnostalgiker, die gern anderswo wirken und leben möchten, als wo Gott sie hingeführt hat. * Eben diese Stadt ist in der biblischen Tradition aber auch jenes verkommene Babylon, welches hurig den Bund bricht. * Es ist auch Ninive, die sich selbst durch ihren Lebenswandel die Zukunft bedroht, in der 144000 wohnen, die nicht recht und links unterscheiden können (eine politische Analyse der Wiener Bevölkerung?) und noch dazu soviel Vieh: was Gott so besorgt macht, dass er Jona (Kosenamen für Israel) dorthin schickt. Und Jona geht statt dessen in die andere Richtung und muss ein zweites Mal berufen werden. Gottes Ruf, Kirche in dieser Stadt zu sein, ist hingegen schon weit öfter an uns ergangen, in Gottes Unermüdlichkeit. Diese ist Ausdruck dafür, wie sehr Gott gerade auch die Stadt Wien ins Herz geschlossen hat. * Aber dann ist die Stadt auch das himmlische Jerusalem, das am Ende der Zeiten vom Himmel herniedersteigt. Wien hat von all diesen Städten etwas an sich: von Babel, von Ninive, von Jerusalem. Und mit all diesen Städten hat Gott zu tun. Das ist unsere pastorale Chance für morgen.
» Zeitworte

Für Hans.

Am 8. September  2011 verstarb 77jährig mein Bruder Hans (Johannes Zulehner). Er verbrachte sein Leben mit einer starken Behinderung. Hier die Predigt bei der Bestattung am 24.9.2011 in St. Thomas.

» Vorträge

Kremsmünster - Ök. Sommerakademie, 10.7.2019: Kirche als Oasen diffundierenden Vertrauens in Kulturen der Angst [Ton] [Text]

Rosenheim, 4.7.2019: Neue Schläuche für jungen Wein. Wie unsere Pfarrei zukunftsfähig wird. MP4

Maria Alm, 15.6.2019: Hochzeit Angelina und Hannes - Predigt MP3 | PDF

Rom, 28.2.2019: ProPopeFrancis - Bilder und Ton von der Übergabe der Unterschriften | MP4

Wien, 22.6.2016: Gläubig altern - altert der Glaube? MP4

emerit. Univ Prof. Dr. Dr. Paul M. Zulehner, Kramer-Glöckner-Straße 36, 1130 Wien, Österreich
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